Ich verstehe Sie nicht, Frau Prof. Dr. Lange!

Ein Kommentar von Mathias Fritzsche in kunst:art 47

Kommentar

Frau Prof. Dr. Lange, immerhin die Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, teilte in einem Interview mit der FAZ im Oktober 2015 ordentlich aus. So meinte sie unter anderem, „Wir haben in der Kunstwelt, wie im Kapitalismus, nun seit 1990 nur auf Wachstum gesetzt: mehr Museen, mehr Anbauten, mehr Ausstellungen.“ Im Verbund mit der FAZ-Redakteurin Dr. Julia Voss bläst die Museumsdirektorin die Fanfare, um kleineren Museen (vermutlich die vielen Städtischen Galerien) und Privatmuseen zugunsten der größeren Museen (etwa der Staatsgalerie in Stuttgart) zu schleifen. Und im Sprachduktus der unsäglichen Dresdner Demonstrationen sagt sie zu der Frage, ob man Museen schließen müsste, „Auch darüber muss man nachdenken dürfen.“ Als würde es ein Denkverbot geben und die Frau Lange erkämpft das Recht auf Meinungsäußerung zurück.

Nun, wenn man sich die Forderung von Frau Prof. Dr. Lange anschaut, also dass einige kleine Museen schließen sollten und dass dafür die größeren Museen mehr unterstützt werden sollten – ist das nicht exakt das, was im Kapitalismus seit 1990 auch passiert? Dort gab es noch 1990 eine Vielfalt von Firmen, die von größeren Firmen geschluckt wurden. Die Konkurrenz nimmt ab und einige große Konglomerate entstehen. Das senkt den Druck und erhöht die Rentabilität zugunsten des Kapitals und zu Ungunsten der Konsumenten. Also genau das Gegenteil dessen, was Frau Prof. Dr. Lange angeblich zu erreichen hofft. Begreift sie das wirklich nicht oder führt Sie uns alle an der Nase herum? Egal, beides wäre genauso schlimm!

Zudem beklagt Frau Prof. Dr. Lange in dem vieldiskutierten Interview „Am Anfang heißt es noch, bei Kultur gehe es um Bildung. Aber unterm Strich sind alle in der Geld-Besucherzahlen-Falle.“ Auch hier irrt oder täuscht die Direktorin der Staatsgalerie. Bei Gesprächen mit Direktoren von Museen ist mir eines sehr deutlich geworden: je größer das Museum, desto größer der Druck, dass die Ausstellungen gut besucht werden. Die vielen kleinen Stadtgalerien, kleine Museen oder auch private Museen sind da viel entspannter. Hier geht es eher darum, dass ausgezeichnete Künstler, die noch unbekannt sind, gezeigt werden oder spannende Themenausstellungen zusammengestellt werden. Die teilweise wirklich nicht so hohen Besucherzahlen werden in Kauf genommen. Gerade das zu zerstören wäre ein Verbrechen!

Wenn die Kulturlandschaft in Deutschland einen Vorteil gegenüber anderen Ländern hat, dann gerade den der Vielfalt. Das muss unbedingt erhalten bleiben! Die Tante-Emma-Läden sind zugunsten der großen Supermärkte ausgelöscht worden. Wer nun diese Entwicklung im Bereich der Kunst unter dem Deckmantel der Kapitalismuskritik nachahmen möchte, leistet der Kultur einen Bärendienst, Frau Prof. Dr. Lange! Wendelin Renn, Leiter der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen, bringt es auf SWR 2 auf den Punkt: „Die Zukunft der Museen und Galerien sehe ich sehr optimistisch, aber natürlich nur dann, wenn nicht solche Menschen so dummes Zeugs verzapfen!“

Mathias Fritzsche ist Chefredakteur von kunst:art und vom Magazin kunnst.

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Ein Thema jagt das nächste: Der Wochengipfel hält ein oder zwei Themen fest und bringt sie in Erinnerung. Was war vergangene Woche so wichtig, dass man Schnappatmung bekam und ist diese Woche dennoch schon vergessen? Oder über welche Nachricht hat man sich so gefreut, dass man auf den Balkon ging und die Nachricht für die ganze Welt in den Abendhimmel geschrien hat?

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