Im Licht der Öffentlichkeit

Österreichische Kunst nach 1945 aus Tiroler Privatbesitz

Maria Lassnig, Ich als Gärtnerin, 1965

Privaten SammlerInnen kommt in ihrer Partnerschaft mit Museen eine immer größere Bedeutung zu. Besonders seit dem 20. Jahrhundert profitieren MuseumsbesucherInnen von den Synergieeffekten zwischen Museen und Sammlungen. Viele Ausstellungen wären ohne Leihgaben aus Privatbesitz nicht möglich. Die Schau im Ferdinandeum veröffentlicht, was im Verborgenen existiert. 89 KünstlerInnen, von Kurt Absolon bis Heimo Zobernig, sind jeweils mit einem Schlüsselwerk zur österreichischen Kunst der letzten 70 Jahre vertreten, wobei ausschließlich Tiroler PrivatsammlerInnen als Leihgeber fungieren.

„Die Ausstellung will ganz bewusst die Privatsammlungen als ergänzendes Moment in den Fokus stellen. Alle Stücke, die in der Schau zu sehen sind, entstammen privaten Sammlungen und wurden teilweise noch nie öffentlich gezeigt. Sie machen deutlich, dass Privatsammlungen einen großen Anteil an der Bewahrung unseres kulturellen Vermächtnisses haben“, erklärt PD Dr. Wolfgang Meighörner, Direktor der Tiroler Landesmuseen, und fährt fort: „Kein Sammler, kein Museum kann alleine eine weitgefasste Betrachtung der Kunstgeschichte Österreichs nach 1945 leisten. Die Präsentation in Zusammenarbeit kommt dieser Absicht viel näher.“ Die Sonderausstellung im Erdgeschoß und Mezzanin des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum wirft einen facettenreichen Blick auf die österreichische Kunst der Nachkriegszeit bis heute. In zwölf Räumen beleuchtet die Schau unterschiedlichste künstlerische Ausdrucksformen. Von Malerei über Skulptur, bis hin zu Aktionismus und Konzeptkunst werden wesentliche innovative Positionen der bildenden Kunst vorgestellt.

Meisterhafte Detektivarbeit

In der Ausstellung vertreten sind Werke von 89 KünstlerInnen, deren Aufspüren in meisterhafter Detektivarbeit Prof. Peter Weiermair übernommen hat. „Oft waren abenteuerliche Empfehlungen und Indiskretionen nötig, um die Spuren zu den BesitzerInnen von Werken rückverfolgen zu können. Die Sucharbeit nach den Werken, die für meine Anthologie der Kunst nach 1945 in Österreich nun verwendet werden, dauerte ein Jahr lang und war in vielen Bereichen sehr erfolgreich, aber auch von Rückschlägen begleitet“, erklärt Weiermair, Kurator der Ausstellung. Von Kurt Absolon bis Heimo Zobernig deckt das Projekt die österreichische Kunstlandschaft von A – Z ab. Mit je einem Schlüsselwerk vertreten sind u. a. folgende Künstler: Alfred Kubin, Maria Lassnig, Oswald Oberhuber, Arnulf Rainer, Markus Schinwald, Eva Schlegel, Esther Stocker und Franz West. Der Großteil der privaten LeihgeberInnen will anonym bleiben. Weiermair konnte nur durch ausführliche Recherchen und Hilfe von Galerien die gewünschten Werke für die Schau im Ferdinandeum ausfindig machen.

Fokus Frühwerk

Ein Hauptaugenmerk der Auswahl liegt auf dem Frühwerk und atypischen Arbeiten der KünstlerInnen. Der Großteil der Exponate ist vor dem großen Durchbruch der UrheberInnen entstanden. SammlerInnen spielen auf das Frühwerk bezogen eine wesentliche Rolle am Kunstmarkt. Oftmals beginnen sie bereits am Beginn der Laufbahn einer KünstlerIn mit dem Sammeln und sind im Besitz vieler Werke aus deren Anfangsjahren. Durch den individuellen Geschmack der einzelnen SammlerInnen werden auch Werke gekauft, die auf den ersten Blick nicht ganz zum Gesamtwerk passen. Mit diesem Fokus schafft es die Ausstellung, eine neue Perspektive auf das Schaffen der KünstlerInnen zu werfen und lässt auch erkennen, wie sich Positionen und Herangehensweisen im Laufe der Zeit verändern. Die Arbeiten treten miteinander in einen Dialog und lassen neue Aspekte in den Stilrichtungen erahnen.

Private und öffentliche Sammlungen

Privates Sammeln hat zumindest in Tirol weniger ein kommerzielles Interesse, sondern ist vielmehr von der Leidenschaft der SammlerInnen für ihr Konvolut geprägt. Oft besteht auch ein direktes Naheverhältnis zwischen KäuferIn und KünstlerIn, das die Inhalte der Sammlung mitbestimmt. Jedes neue Bild, das hinzugefügt wird, wirkt in der Gesamtheit der bereits vorhandenen Werke – die SammlerInnen kuratieren im Grunde ihre eigene Ausstellung. Oft ist auch die Beziehung zwischen Galerie und SammlerIn eine enge. Beim Kunsterwerb zählen KäuferInnen auf die Expertise der GaleristInnen und lassen sich beraten.

„Im Gegensatz zu privaten Sammlungen sind öffentliche auch zu einem kunstgeschichtlichen Bildungsauftrag verpflichtet“, so Dr. Günther Dankl, Kustos der Kunstgeschichtlichen Sammlungen ab 1900 & Grafischen Sammlungen der Tiroler Landesmuseen. Der Ankaufsetat öffentlicher Häuser liegt oftmals weit hinter den finanziellen Möglichkeiten von Privatiers zurück. Immer mehr SammlerInnen eröffnen private Museen und übernehmen damit Aufgaben, die traditionellerweise zu den Kernaufgaben von öffentlichen Museen gehören: Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln. Gerade im 20. Jahrhundert haben sich aber auch Synergieeffekte entwickelt. Viele Ausstellungen wären ohne Leihgaben aus Privatbesitz nicht möglich. Museen bieten gleichzeitig einen Raum für die Präsentation von Exponaten, die sonst nie öffentlich zugänglich wären. Private Sammlungen sind somit auch eine Form der Kunstgeschichtsschreibung und sollen, wenn möglich, öffentlich zugänglich gemacht werden.
Rundgang durch die Austellung

Durch die Hängung der Werke ergeben sich in der Schau stilistische Gruppierungen und eine Interpretation der Entwicklung der österreichischen Kunst in den letzten 70 Jahren. Unterstrichen wird dies durch die Architektur der Ausstellung. Man betritt die Schau und wird durch zwölf unterschiedlich gestrichene Räume geführt, die auf zwei Ebenen aufgeteilt sind. Der Rundgang startet im Raum 1, der sich der Malerei von 1945 bis 1960 widmet. Diese knüpft großteils an die durch den zweiten Weltkrieg unterbrochene Entwicklung der 1920er und 1930er Jahre an und findet mit Herbert Boeckl ihren Hauptvertreter. Er war als Professor an der Wiener Akademie der bildenden Künste tätig und zählt zu den prägendsten Künstlerpersönlichkeiten der Österreichischen Moderne. Sein „Stillleben“ von 1956/58 trifft auf Arbeiten von Franz Grabmayr, Hilde Goldschmidt, Gerhild Diesner und Karl Stark.

Grafik von 1945 bis 1960

Im zweiten Raum schließt die Ausstellung mit Werken aus dem Bereich der Grafik aus den Jahren 1945 bis 1960 an. In der österreichischen Kunst nach dem zweiten Weltkrieg kommt dem grafischen Schaffen große Bedeutung zu. In Wien formiert sich die innovative Künstlervereinigung „Art Club“. Mit zu den Gründungsmitgliedern gehört Kurt Moldovan, den eine enge Freundschaft mit Paul Flora verbindet. Die gezeigten Werke der beiden sowie Grafiken von Alfred Kubin, Oskar Kokoschka, Kurt Absolon, Rudolf Hradil und Markus Vallazza zeigen die Vielfalt und Gegensätzlichkeit der Zeichenkunst.
Die Skulptur
Auch der Skulptur wird in der Ausstellung Raum geboten. Fritz Wotruba, wegweisend für die Bildhauerei der Österreichischen Moderne, ist hier besonders hervorzuheben. Als Lehrer unterrichtete er Schüler wie zum Beispiel Alfred Hrdlicka und Andreas Urteil. Werke von diesen werden gemeinsam mit Skulpturen von Wander Bertoni, Joannis Avramidis und Karl Prantl in Raum 3 ausgestellt.

Das Informel

Der Pariser Tachismus und der Surrealismus waren Vorbilder für das Informel in Österreich. Vertreter wie Oswald Oberhuber, Markus Prachensky, Josef Mikl und Arnulf Rainer thematisieren den Tachismus. Auch Friedensreich Hundertwasser und Max Weiler setzen sich damit auseinander und interpretieren ihn neu. Die Werke der Genannten u. a. versammeln sich in Raum 4.

Wiener Aktionismus

Der Wiener Aktionismus präsentiert sich in Raum 5. Die Aktionen von KünstlerInnen wie Rudolf Schwarzkogler, Günter Brus, Hermann Nitsch und Otto Mühl reichen von der Aktionsmalerei bis hin zur Performancekunst, bei der der menschliche Körper als Medium eingesetzt wird. Als dauerhaftes Werk ist oft nur die Fotodokumentation erhalten. Valie Export, internationale Vorläuferin der konzeptuellen Medien- und Performancekunst, ist ebenfalls in diesem Raum vertreten. Aus feministischer Sicht setzt sie sich mit dem Verhältnis von realer und medialer Wirklichkeit auseinander.

Konzeptkünstler

Bei der Konzeptkunst steht die Idee, die dem jeweiligen Kunstwerk zu Grund liegt, im Vordergrund. Künstler wie Ernst Caramelle, Heinz Gappmayr oder Ernst Trawöger widmen sich mit ihren Arbeiten Fragen zu Original und Fälschung, zu Produktion und Reproduktion, zur Wahrnehmung von Kunst und dem Kontext der Kunstrezeption.
Walter Pichler
Walter Pichler zählt zu den bedeutendsten Bildhauern Österreichs. In den 1960er Jahren gehört er einer jungen Generation von KünstlerInnen und ArchitektInnen an, die an einem gemeinsamen Entwurf einer Neuorientierung von Kunst und Architektur arbeiten. Dies zeigt sich auch in der ausgestellten Skulptur. Dazu werden drei Zeichnungen, die seine Arbeiten kommentieren, an den Wänden lehnend präsentiert.
Der Aufbruch der Malerei in den 1980er Jahren
Nach einer Phase, in der Konzept- und Medienkunst dominieren, manifestiert sich in den 1970er und 1980er Jahren eine Rückkehr zur Malerei als Medium des künstlerischen Selbstausdrucks. Die VertreterInnen dieser Zeit werden oft als „Junge Wilde“ bezeichnet. Zu sehen sind Werke von Siegfried Anzinger, Hubert Schmalix, Erwin Bohatsch, Alois Mosbacher, Hubert Scheibl und Gunter Damisch, die zu den Hauptexponenten der Neuen Malerei in Österreich zählen.

Figuration und neue Wirklichkeit

In Raum 8 stehen Werke von Martha Jungwirth, Kurt Kappa-Kocherscheidt, Franz Ringel, Maria Lassnig und Christian Ludwig Attersee im Fokus, die in unterschiedlicher Weise die Wirklichkeit reflektieren. Maria Lassnig widmet sich vor allem dem Thema der Visualisierung von Körpergefühlen.

Fotografie und neue Medien

Seit den 1980er Jahren setzen sich KünstlerInnen vermehrt mit neuen Medien auseinander. Die Arbeiten sind teilweise computergeneriert, wie bei Peter Kogler. Günther Selichar beschäftigt sich mit der Mediatisierung der visuellen Kommunikation. Als einziger Fotograf in der Ausstellung vertreten ist Matthias Herrmann, der sich mit dem Bild des menschlichen Körpers, mit Geschlechterkonstruktion im Fotografischen und dem Selbstbildnis als sexuell konnotierte Manifestation beschäftigt. Den Fotografien zur Seite gestellt ist ein Werk von Eva Schlegel, in der der Akt des Sehens als solcher zum Thema wird.

Positionen der letzten Jahrzehnte

In bewusst offen gehaltenen und ineinander übergehenden Räumen mit halbrunden Wänden werden einzelne malerische und zeichnerische Positionen der letzten Jahre präsentiert. Es treffen Werke von Herbert Brandl, Otto Zitko, Esther Stocker, Michael Ziegler, Siggi Hofer, Johann Julian Taupe und Markus Bacher aufeinander. Die grafischen Arbeiten behandeln die Themen „Mensch“ und „Landschaft“. Franz Graf, Franz Mölk und Max Peintner stellen Menschen in unterschiedlichen narrativen Kontexten dar und nehmen einen zivilkritischen Standpunkt ein. Ulrike Lienbacher hingegen thematisiert in ihren Zeichnungen Sexualität und Erotik. Ebenfalls in dem offen gestalteten Raum verortet sind Plastiken und Skulpturen u. a. von Erwin Wurm, Elmar Trenkwalder und Martin Walde. Die Zusammenstellung der Kunstwerke erhebt keinen Anspruch auf eine vollständige Dokumentation aktueller Entwicklungen.

Medienguide und Vermittlung

Die SammlerInnen kommen im Medienguide zur Ausstellung zu Wort. In Interviews beantworten sie Fragen zu den Beweggründen ihres Sammelns, dem Reiz des Sammelns und ihrer Beziehung zu den Kunstwerken. Jedem Ausstellungsexponat ist ein Künstlerzitat zur Seite gestellt. Die Innsbrucker Künstlerin Gerhild Diesner beschreibt ihre Hingabe für das Malen: „Die Malerei ist eine Leidenschaft, die das Ganze verlangt, sonst ist alles nur halbe Malerei und halbes Leben. Die Form und die Farbe so zu lieben, dass man unglücklich ist, wenn man nicht malen kann, solche Zeiten gibt es viele in meinem Leben.“ Der Medienguide ist in Deutsch und Englisch auf iPads verfügbar und kann kostenlos an der Kassa im Ferdinandeum ausgeliehen werden.

BEGLEITPUBLIKATION

Zur Ausstellung erscheint die Begleitpublikation „Im Licht der Öffentlichkeit. Österreichische Kunst nach 1945 aus Tiroler Privatbesitz“, hg. und mit einem Vorwort versehen von Wolfgang Meighörner. Das Buch beinhaltet Beiträge von Peter Weiermair und Günther Dankl ebenso wie einen Katalog und Künstlerzitate. ISBN 978-3-900083-61-8, 224 Seiten, mit zahlreichen Farbbildern, Preis € 24,90
Die Publikation ist in den Museumshops der Tiroler Landesmuseen und online unter
http://shop.tiroler-landesmuseen.at erhältlich.

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