Wochengipfel | Max Hollein verlässt Frankfurt

Kalenderwoche 12 | 2016

Außenansicht Städel Museum (Foto: Städel Museum)

In der Geschichtsforschung ist man ein wenig davon abgerückt einzelne Politiker, Feldherren oder Herrscher für den Verlauf der Geschichte alleinig verantwortlich zu machen. Kunsthistoriker gehen da – und das ist durchaus selbstkritisch gemeint – sehr viel ungehemmter vor! Und manchmal liegt man damit auch zumindest halbwegs richtig, häufig aber ist das auch nur die halbe Wahrheit. Bei Max Hollein und Frankfurt ist das anders: Hier kam zusammen, was zusammen gehörte.

Max Hollein, Museumsdirektor (Foto: Gaby Gerster | Städel Museum)
Max Hollein, Museumsdirektor (Foto: Gaby Gerster | Städel Museum)

Max Hollein und Frankfurt in der Vergangenheitsform? Ja, tatsächlich wird diese Verbindung schon sehr schnell der Vergangenheit angehören, hat doch Hollein, der noch bis 2018 einen Vertrag in Frankfurt hat, seinen Abschied bereits zum Sommer angekündigt. Er wird über den Teich nach Amerika gehen und dort die „Fine Arts Museums of San Francisco“ leiten.

Warum dieser Schritt und warum jetzt?

Natürlich lässt sich bei dieser Frage nur spekulieren. Aber selbstverständlich stellt sich die Frage eines Wechsels für Max Hollein schon länger. Schließlich ist er nun bereits 15 Jahre in Frankfurt und da er nicht nur Kunsthistoriker ist, sondern auch Wirtschaftswissenschaftler, weiß Max Hollein sehr genau, dass er im Grunde noch zweimal die Möglichkeit eines ernsthaften Wechsels hat. Mit Mitte 40 ist da jetzt der ideale Zeitpunkt, um sich an einer zweiten Stelle zu beweisen, wo er in Frankfurt im Prinzip nur noch seine Erfolge verwalten könnte. Noch schlimmer: In Frankfurt hat Max Hollein ganz klar Grenzen des Möglichen erreicht und er würde in Zukunft immer wieder an seinen eigenen Erfolgen gemessen werden. Ein Vergleich mit sich selbst – den kann man auf Dauer nicht gewinnen!

Und möglicherweise hat es Max Hollein schon gewurmt, dass er die Darmstädter Madonna 2010/11 nicht erwerben konnte, obwohl er Spender dazu gebracht hat, ein Gebot von 40 Mio. Euro abzugeben. Letztlich ging das Werk an die Sammlung Würth. Nicht zuletzt diese Transaktion zeigte Hollein sicherlich auch die Grenzen auf, die ihn in Frankfurt umgaben. Sicherlich nicht der Grund für Holleins Abgang zum 1. Juni 2016, aber vielleicht ein erster Anlass für ihn, sich mit dem Gedanken zu beschäftigen.

Warum San Francisco?

Mit den Museen der Stadt San Francisco hat Max Hollein ein ähnliches Betätigungsfeld wie in Frankfurt und doch auch ein komplett anderes. Er leitet dort nicht das erste Haus des Landes, wie auch die Frankfurter Museen zwar zur Spitze in Deutschland gehören, aber eben nicht die Nationalgalerie sind. In San Francisco gehört eine riesige Sammlung, mehrere größere Häuser und eine große Belegschaft zu seinem Terrain dazu, wenngleich es nicht das MoMA oder das Guggenheim ist. Deutliche Vorteile dürfte sich Max Hollein in Bezug auf die Akquise von Drittmitteln und damit auf einen wohlgefüllten Ankaufsetat erhoffen.

Außerdem kann man sich leicht vorstellen, wie die Karriereplanung Holleins aussehen dürfte: Es ist nicht unrealistisch, dass in 8 – 12 Jahren ein erneuter Wechsel anstehen könnte und dann auch Adressen wie das MoMA oder das Guggenheim realistisch sind. Für diesen letzten Karriereschritt ist Erfahrung innerhalb der Vereinigten Staaten sicherlich Gold wert.

Städel Museum, Außenansicht (Foto: Städel Museum)
Städel Museum, Außenansicht
(Foto: Städel Museum)

Und Frankfurt?

Frankfurt wird sicherlich kalt erwischt und man kann nur hoffen, dass die nächsten Schritte dort wohl abgewogen sein werden. Denn es gilt zu entscheiden, ob die Strukturen verändert werden – Hollein hatte mehrere Häuser gemeinsam geleitet – und wie das personell aussehen wird. Sicherlich hoffte man, dass vor einem Abschied Holleins noch ein Jahr Zeit für die Sondierung sei, nun sind es nur etwa drei Monate – ideal ist das nicht … Und eine Übergangslösung kann auch lähmend wirken.

Andererseits: Jetzt zeigt sich doch auch, wie nachhaltig Max Hollein wirklich gearbeitet hat! Wenn alles nur von seiner Persönlichkeit gelebt hat, dann hat er zwar erstaunliches geleistet. Aber erst wenn das Konstrukt auch ohne seinen Baumeister auskommt, ist es wirklich perfekt!

 

Text: Mathias Fritzsche | Bilder: Städel Museum
Externe Links: Städel Museum | Fine Arts Museums of San Francisco

Über Mathias Fritzsche 56 Artikel
Ein Thema jagt das nächste: Der Wochengipfel hält ein oder zwei Themen fest und bringt sie in Erinnerung. Was war vergangene Woche so wichtig, dass man Schnappatmung bekam und ist diese Woche dennoch schon vergessen? Oder über welche Nachricht hat man sich so gefreut, dass man auf den Balkon ging und die Nachricht für die ganze Welt in den Abendhimmel geschrien hat?

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