Begemanns Blog | Architectura: Hochgeschwindigkeitsdächer

Zaha Hadid No. 1

Aber die Architektin Zaha Hadid, die – auf der Fläche des Papiers oder der Leinwand – schon so raumgreifend imaginiert hatte, sie wollte natürlich auch in den realen Raum greifen, mit gebauten Formen! Dazu kam es schließlich 1993: Nach vielen zwar Aufsehen erregenden, aber praktisch folgenlos gebliebenen Wettbewerbsentwürfen erhielt sie den ersten konkreten Auftrag und zwar seitens eines Unternehmers, der im hart umkämpften Möbelmarkt tätig war. Rolf Fehlbaum besaß u.a. die Rechte an Designklassikern von Charles und Ray Eames oder Corbusier und erkannte frühzeitig, dass zu einer erfolgreichen Marke ein markanter Unternehmensauftritt gehörte, Architektur inbegriffen. Seine Firma Vitra hatte in Weil am Rhein bereits Bauten von Größen der zeitgenössischen Baukunst realisieren lassen, so von Tadao Ando und Frank Gehry. Für das Werksgelände benötigte man nun eine Feuerwache und den Auftrag dafür bekam Zaha Hadid.

Was sie aus dem prosaischen Zweckgebäude machte, katapultierte die Architektin in die Feuilletons weltweit: das kleine Bauwerk wies allenthalben schräge Kanten und spitze Winkel auf, scheinbar willkürlich freistehende Wandplatten schienen Innenräume nur locker zu umreißen, ein überkragendes Vordach stach förmlich nadelspitz – mit gefühlter Schallgeschwindigkeit – hinaus in den freien Luftraum. War das nun eine plastisch gedachte Architektur oder doch architektonische Plastik? Egal, es war in jedem Fall ein aufregender dreidimensionaler Kommentar zur damals aktuellen Diskussion um den De-Konstruktivismus, eine Denkrichtung, die nach dem offenbaren Ende der Moderne nach Orientierungen suchte. Dies Anliegen hatte auf architektonischem Gebiet zwar auch schon die Postmoderne umgetrieben bei ihrer Re-Historisierung der Baukunst – das AT&T Building von Johnson/Burgee in New York von 1984, im gleichen Jahr James Stirlings Stuttgarter Staatsgalerie von 1984 – aber Hadids Formsprache war demgegenüber unverhohlen und radikal modern: spacig (so sagen wir heute) statt Pseudo-Chippendale und Kuschelstuck! Oder aber, für den historisch geneigten Betrachter, dies war ein Bauen, das da ansetzte, wo die russische Avantgarde umstandsbedingt aufgehört hatte…

 

Text: Dieter Begemann | Bild: Vitra Design Museum
Externer Link: Vitra Design Museum

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Begemanns Blog: Sternschnuppen An dieser Stelle soll es um ästhetische Sternschnuppen gehen und, wie es die Schnuppen so machen, sollen sie hin und her zischen auf manchmal verblüffenden Kursen – kreuz und quer! Ich konnte (und musste zum Glück mich auch nie) entscheiden zwischen praktisch-bildkünstlerischen und theoretischen Interessen: Ich liebe Malerei und Bildhauerei, begeistere mich für Literatur, bin ein Liebhaber von Baukunst und Design –aber meine absolute Leidenschaft gehört der Gestaltung von Gärten und Autos. Und, eh ich’s vergesse: natürlich dem Film!!

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