Begemanns Blog | Phantasie und Technologie

Zaha Hadid No. 3

Phæno-Science Center Wolfsburg, phaeno Bugspitze (Foto Klemens Ortmeyer)

Im Gegensatz freilich zu dieser (einmaligen) Ausnahme in Corbusiers Schaffen wurde die plastische Durchmodellierung der Bauform zu Hadids Markenzeichen. Architektur ist allerdings kein Ein-Mann- bzw. Eine-Frau-Kunst, sondern nur im Teamwork möglich. Damit das als „außerirdisches Wunderding“, „gelandetes Ufo“ – ähnliche Sprachbilder tauchen quasi routinemäßig bei der Beschreibung von Hadids Bauten auf – damit dieses merkwürdige Objekt also in der niedersächsischen Wirklichkeit gleich am Ufer des Mittellandkanals festmachen konnte, bedurfte es zahlreicher Mitarbeiter nicht nur im mittlerweile ziemlich großen Büro der Architektin. Die unregelmäßigen Formen dieser Bauten stellen enorme statische Herausforderungen dar, die schon bei der nötigen Berechnung an die Grenzen herkömmlicher Verfahren stoßen. Aus der Luftfahrt kommende Computerprogramme haben daher Eingang in die heutigen Architekturbüros gefunden: Der Amerikaner Frank Gehry wäre dafür ein weiteres Beispiel.

Aber auch und vor allem auf der Baustelle sind erfinderische und engagierte Kooperationspartner unverzichtbar, die bereit sind, in ihren jeweiligen Spezialgebieten an den Rand des Machbaren zugehen – beziehungsweise diesen Rand immer wieder ein schönes Stück weit zu verschieben! Konstruktion und Realisierung sind da eng verschränkt: Die erwähnten „Cones“, die unregelmäßigen kegelförmigen Gebäudeteile, stehen nicht einfach für sich da und tragen eine später aufzubringende Decke, sondern sind mit dieser und dadurch auch untereinander zu einem geschlossenen statischen System verbunden. Die multiplen sphärischen Wölbungen, die ungleichmäßigen Spannweiten und großen Deckenüberstände dieses „Tisches mit zehn Füßen“ wäre anders nicht realisierbar gewesen. Das Material ist natürlich Beton, aber keineswegs irgendeiner. Zaha Hadids Phaeno schrieb tatsächlich Baugeschichte im technischen Sinn, kam hier doch zum ersten Mal in großem Maßstab sogenannter SVB, selbstverdichtender Beton, zum Einsatz: Die herkömmlichen Verdichtungsverfahren konnten bei den schrägen Wandungen der Schalungen oder starken Formunterschneidungen nicht verwendet werden.

Die rautenförmigen Felder der inneren Kassettendecken stellten mit ihrer diagonalen Tragstruktur ihrerseits höchste Anforderungen an die ausführenden Techniker. Bei ihnen wie auch bei der Außenfassade handelt es sich um quasi bautechnische „Unikate“, bei denen kaum standardmäßige Konstruktionen und Herstellungsverfahren angewandt werden können. Das gilt auch für die Materialien selbst: Vom Spezialbeton war schon die Rede, aber auch die Fassade des „Wissenschaftstheaters“ machte eine Kombination von Metall und Glas erforderlich, die wegen ihrer Formate (Gewichte einzelner Scheiben teilweise über 500 Kilogramm!) als auch der Fertigungspräzision angesichts ihrer komplexen sphärischen Wölbung eine technische Herausforderung darstellte. Diese Liste ließe sich fortsetzen mit den Stahltragwerken der Dachkonstruktion, die selbsttragend ausgeführt, nur an fünf Punkten auf Kugellagern beweglich verankert ist.

 

Text: Dieter Begemann | Bild: phaeno gGmbH
Externer Link: phaeno

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Begemanns Blog: Sternschnuppen An dieser Stelle soll es um ästhetische Sternschnuppen gehen und, wie es die Schnuppen so machen, sollen sie hin und her zischen auf manchmal verblüffenden Kursen – kreuz und quer! Ich konnte (und musste zum Glück mich auch nie) entscheiden zwischen praktisch-bildkünstlerischen und theoretischen Interessen: Ich liebe Malerei und Bildhauerei, begeistere mich für Literatur, bin ein Liebhaber von Baukunst und Design –aber meine absolute Leidenschaft gehört der Gestaltung von Gärten und Autos. Und, eh ich’s vergesse: natürlich dem Film!!

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