Wochengipfel | Die Art-Stuttgart hat ihre Pforten geöffnet!

Kalenderwoche 23 | 2016

Ein Blick in die weite Messehalle (Hanns-Martin-Schleyer-Halle Stuttgart)

Um die Art-Stuttgart hat es schon lange (woher auch immer) Gerüchte gegeben: Wird sie stattfinden oder war das nur mal so eine Idee? Um es vorweg zu nehmen: Natürlich hat die Art-Stuttgart stattgefunden und wie! Neue Kunstmessen haben es immer schwer und noch heute stöhnen alle auf, die an die Kunst Messe Frankfurt erinnert werden. Immerhin ein gutes Beispiel, wie

Mary Bauermeister, Needless Needles Schiebebox, 2015 (Galerie Rosemarie Bassi aus Remagen)
Mary Bauermeister, Needless Needles Schiebebox, 2015 (Galerie Rosemarie Bassi aus Remagen)

man es nicht machen sollte. Ganz anders die Art-Stuttgart: Natürlich keine Kunstmesse von Weltrang, aber der eigene Anspruch wurde (größtenteils) umgesetzt: Ausschließlich Kunstgalerien, internationale Aussteller (Korea, Türkei, Italien, Frankreich und Österreich waren dabei) und auch eine gute Auswahl deutscher Aussteller (Berlin, Bonn, Stuttgart, Hamburg, etc.). Einzig die Stuttgarter Galerienszene glänzte (fast komplett) durch Abwesenheit, nur die Galerie Wiedmann und die Galerie Keim gaben sich die Ehre, ein zwei andere Galerien waren verhindert, der Rest wollte nicht. Selber schuld!

Wenn man sich bei den Galerien umhört, so merkt man allenthalben anerkennende Gesten. Für eine Premiere war schon vieles sehr gut und macht Lust auf mehr 2017. Auch ich selbst war SEHR skeptisch, aber was dann letztlich geboten wird war viel mehr als zu erwarten war. Hier einige Beispiele:

Robert Gschwantner, De Ijsseloog Pupil, 2014 (5.500 €) von der Galerie ARTMark aus Wien
Robert Gschwantner, De Ijsseloog Pupil, 2014 (5.500 €) von der Galerie ARTMark aus Wien

Für mich waren die zwei Werke von Robert Gschwantner (Galerie ARTMark aus Wien) besonders bemerkenswert. Ein spannendes Material wird hier präsentiert, gleichzeitig aber in einem gut verkäuflichen Format. Gschwantner ist bekannt dafür, dass er verschiedenste Materialien verwendet und diese in neue Zusammenhänge bringt. Äußerst gelungen!

Besonders gute Künstler zeigt die Galerie Rosemarie Bassi aus Remagen: eine Mischung aus jungen und ein wenig älteren Künstlern. Skulptur, Malerei und Objekte. Fantastische Malerei, Mary Bauermeister, handwerklich sehr gute Skulpturen. Wirklich bemerkenswert!

Einen guten Namen (und das vollkommen zu recht) hat die Galerie Walter Bischoff aus Zell a.H. bei Offenburg. Angeboten werden hier u.a. Werke von Gerhard Richter und K.R.H. Sonderborg.

Bettina Hachmann (Duo Galerie B. Bentler aus Bonn) wagt etwas besonderes: sie beschädigt die Leinwand und macht Schnitte in sie hinein. Das hört sich nach Fontana an, ist es aber nicht. Eine vollkommen eigene Bildsprache, die sich mir nicht auf den ersten Blick erschlossen hat, danach dann aber umso mehr. Wirklich überzeugend, der Zusammenhang von Zeit, Erfahrung, Schicksal und Stimmung. Die

Bettina Hachmann (Duo Galerie B. Bentler aus Bonn)
Bettina Hachmann (Duo Galerie B. Bentler aus Bonn)

Leinwand wirkt verletzlich, die Ritzen wie tief geschlagene Wunden. Mal gehen sie durch die Leinwand, dann wieder bleiben sie an der Oberfläche. Alles andere als oberflächliche Kunst, auch wenn sich das einem nicht auf den ersten Blick erschließt!

Wenn man sich nun das (geringe) Presseecho der Premierenmesse ansieht (Stuttgarter Zeitung und SWR), dann erschreckt man sich schon gewaltig. Kann man sich so geirrt haben? Einige Kritiken stimmen: Die Außenwerbung war zu gering, auch an der Halle selbst wurde wenig Werbung gemacht. Auch die Halle selbst als Veranstaltungsort war gewöhnungsbedürftig. Die Beleuchtung war bestenfalls gerade ausreichend, mehr wäre besser! Woran aber tatsächlich die meisten neuen Messen scheitern und was auch kaum noch zu reparieren wäre: Die Qualität ist meist mies und eine Linie ist auch häufig nicht zu sehen. Das war in Stuttgart tatsächlich anders. Für eine Erstlingsmesse war die Qualität beachtlich und die Ausstellerschar war kein Zufallsgriff, sondern passte zusammen und war stimmig. Das ist schon allerhand! Und wenn man dann noch den tatsächlichen Gegenwind betrachtet, den die Messe unweigerlich hatte, dann ist das noch einmal anerkennenswerter. Den Kritikern aus Stuttgart fehlt aber auch vielleicht der objektive Blick, wo doch Frau Susanne Kaufmann vom SWR schon seit Jahren Talks mit wichtigen Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur als Programmbestandteil der Art Karlsruhe führt und dort womöglich dementsprechend hofiert wird. Da achtet man natürlich besonders darauf, ob die Häppchen auch vom Feinsten sind und ob der Wein denn auch mundet. Die Kunst …, ja die kann man darüber auch schon mal vergessen! Schade!

 

Text: Mathias Fritzsche | Bilder: Atelier Verlag
Externe Links: Art Stuttgart | Artikel Stuttgarter Zeitung | Bericht SWR

Über Mathias Fritzsche 63 Artikel
Ein Thema jagt das nächste: Der Wochengipfel hält ein oder zwei Themen fest und bringt sie in Erinnerung. Was war vergangene Woche so wichtig, dass man Schnappatmung bekam und ist diese Woche dennoch schon vergessen? Oder über welche Nachricht hat man sich so gefreut, dass man auf den Balkon ging und die Nachricht für die ganze Welt in den Abendhimmel geschrien hat?

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