Wochengipfel | Eröffnung in Köln

"Der Andere Blick" im Odysseum

Wandgemälde (© Fotodienst der vatikanischen Museen/ Vatikanischen Museen)

Ich hatte heute, am 15. Juni 2016, das Vergnügen, eine besondere Ausstellung vorab zu besuchen: DER ANDERE BLICK – Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle. Zu dieser Ausstellung muss man ein klein wenig mehr ausholen …

Deckenfresko (© Fotodienst der vatikanischen Museen/ Vatikanischen Museen)
Deckenfresko (© Fotodienst der vatikanischen Museen / Vatikanischen Museen)

Denn eigentlich gibt es ja kaum etwas schlimmeres, als Reproduktionen von Originalwerken zu betrachten. Kunst lebt nicht nur von Originalität, sondern auch davon, das Original zu sein, häufig zudem ein Unikat. Sonst könnte man ja eine Ausstellung um die Welt gehen lassen, mit der Top Ten des Louvre und mit der Top Ten des MoMA. Oder man lässt per Umfrage die Top 100 der beliebtesten Bilder festlegen und zeigt diese dann als Reproduktion. Nein, geht gar nicht!

Also die Rote Karte für den „Anderen Blick“? Das auch nicht, denn bei dieser Ausstellung gibt es zumindest 3 Gründe, die für diese Ausstellung sprechen. Die gleichen Gründe sprechen dann – man wird es merken – auch gegen eine Wiederholung beispielsweise mit einer Top Ten-Auswahl.

Sibyllen und Propheten (© Fotodienst der vatikanischen Museen/ Vatikanischen Museen)
Sibyllen und Propheten (© Fotodienst der vatikanischen Museen / Vatikanischen Museen)

Ein Grund ist die spezielle Situation der Sixtinischen Kappelle: Täglich wandern viele Tausend Besucher durch die Kappelle nördlich des Petersdoms. Zwar wurde inzwischen viel unternommen, um das Risiko für die Gemälde zu minimieren (Läufer gegen Straßenstaub, Klimaanlage, Feuchtigkeitsregler und eine neue Dachkonstruktion), es ist jedoch eine immer noch vorhandene Belastung für die Deckengemälde, dass sich Menschenmengen hindurchzwängen.

Hinzu kommt, dass es gerade mit Kindern schwer ist stundenlang anzustehen, um dann mit dem Blick nach oben durch eine Kappelle zu wandern. Gerade für Kinder kann es ein spannender Ansatz sein, sich die Bilder Michelangelo Buonarrotis in Ruhe anzuschauen und diese nicht an der Decke, sondern an der Wand oder gar am Boden zu sehen.

Deckenfresko (© Fotodienst der vatikanischen Museen/ Vatikanischen Museen)
Deckenfresko (© Fotodienst der vatikanischen Museen / Vatikanischen Museen)

„Auf dem Boden“ ist das Stichwort Nummer drei: Tatsächlich hat es einen gewissen Reiz, Werke, die man sonst nur mit Genickstarre in 20 Meter Höhe sieht, nun recht gemütlich nach unten blickend zu sehen. Man kann sich ganz anders in Details vertiefen, Neues entdecken und seine Gedanken schweifen lassen.

Warum aber sind überall in der Ausstellung Gerüste, warum keine weißen Wände und keine schicken Emporen? Nun, vielleicht auch deshalb, weil es sich um keine klassische Kunstausstellung handelt und – und das ist das sympathische! – die Ausstellung auch gar nicht den Eindruck erwecken möchte, dass es sich um eine klassische Kunstausstellung handelt. Im Grunde handelt es sich um Edutainment mit Schwerpunkt Kunst und Stillehre (Renaissance). Und in diese Richtung gehen auch die von Zeha Schmidtke exquisit gesprochenen Audioguides, die es für Kinder und für Erwachsene gib.

Wandgemälde (© Fotodienst der vatikanischen Museen/ Vatikanischen Museen)
Wandgemälde (© Fotodienst der vatikanischen Museen / Vatikanische Museen)

Nun, für wen ist diese Ausstellung dann wohl geeignet und für wen nicht? Im Prinzip muss das jeder für sich entscheiden. Wichtig ist aber, dass es sich nicht um eine Kunstausstellung handelt, sondern um eine Ausstellung über Kunst. Wie gesagt: Edutainment at its best!

 

 

 

 

 

Text: Mathias Fritzsche | Bilder: Fotodienst der vatikanischen Museen |  Vatikanische Museen
Externer Link: Der Andere Blick | Odysseum Köln

Über Mathias Fritzsche 37 Artikel
Ein Thema jagt das nächste: Der Wochengipfel hält ein oder zwei Themen fest und bringt sie in Erinnerung. Was war vergangene Woche so wichtig, dass man Schnappatmung bekam und ist diese Woche dennoch schon vergessen? Oder über welche Nachricht hat man sich so gefreut, dass man auf den Balkon ging und die Nachricht für die ganze Welt in den Abendhimmel geschrien hat?

1 Kommentar zu Wochengipfel | Eröffnung in Köln

  1. Lieber Mitmensch Mathias Fritzsche,

    feine, wache Zeilen. Ich sage: danke schön – und nicht als saftloses Gefloskel, sondern mit der guten Freude, die mir noch jedes Mal das Bäuchlein wärmt, wenn ich mit Herzblut wo beteiligt bin und wer anderes ebenso Anteil nimmt.

    Hinzufügen möchte ich nur: Ich bin bloß die Mutti vom Kinder-Audio-Guide. Der andere stammt von Ingo Langner, und die sonore Stimme schallt aus dem Resonanzkörper namens Jens Tippenhauer.

    Mit gutem Gruße
    Zeha Schmidtke

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