Heiliger Besuch

19.3. – 28.8.16 | Museum zu Allerheiligen

Das Museum zu Allerheiligen erhält vom 19. März bis 28. August 2016 „heiligen Besuch“. In einer überraschenden Inszenierung zeigt die Sonderausstellung 15 ausgewählte gotische Skulpturen der Sammlung E.G. Bührle zusammen mit Madonnenbildern der international bekannten Foto- und Videokünstlerin Annelies Štrba. Es ist die erste von der neuen Museumsdirektorin Dr. Katharina Epprecht am Museum zu Allerheiligen kuratierte Ausstellung.

Die Skulpturen aus der Sammlung des Industriellen Emil Buhrle (1890-1956) bilden eine kleine, wenig bekannte Abteilung dieser wichtigen Kollektion, die man vor allem wegen ihrer beruhmten Bilder franzosischer Impressionisten kennt. Die heilige Schar stammt von Bildschnitzern im suddeutschen Raum und entstand zwischen 1400 und dem fruhen 16. Jahrhundert – einer Zeit, als die Religion alle Bereiche des Lebens durchdrang. Innenraume von Kirchen, Kapellen und Kloster, aber auch vornehme Haushalte wurden in grosser Zahl mit den aus Holz geschnitzten und mit einer farbigen Fassung versehenen Skulpturen ausgestattet. Dort dienten sie der individuellen Andacht, im Gottesdienst, bei Heiligenfesten und Prozessionen.

Ergreifende Ausdruckskraft
Die Ausdruckskraft der gezeigten Bildwerke reicht vom zarten Liebreiz der Madonna bis zum erschutternden Naturalismus der Passionsszenen und macht die Ergriffenheit der damaligen Menschen angesichts der ihnen Schutz, Trost und Hoffnung spendenden Heiligen und biblischen Gestalten nachvollziehbar. Das Leben Christi, sein Sterben und die Auferstehung waren allgegenwartig und wurden beim Betrachten der Figuren nacherlebt.

Heilige für alle Fälle
Die Heiligenverehrung erreichte im Spatmittelalter ihren Hohepunkt. In allen Lebenslagen wurden Heilige angerufen. Pestzuge, Kriege und Hungersnote, aber auch die Furcht vor Fegefeuer und Holle ̶ also die Angst um das Seelenheil ̶ brachte die Menschen dazu, sich den Heiligen zuzuwenden. Der mittelalterliche Mensch war mit den Legenden vertraut und erkannte die Heiligen an ihren Attributen, welche auf entscheidende Ereignisse im Leben oder Sterben der Heiligen,
oft auf deren Martyrium hinweisen. In der Ausstellung lasst eine kleine Auswahl von Heiligenfiguren diese spatmittelalterliche Glaubens- und Vorstellungswelt lebendig werden.

Maria – Mutter und Urbild
Das Marienbild ist das alteste Frauenbild des Christentums und die neben Christus am haufigsten dargestellte Figur in der christlichen Kunst. Als Mutter Gottes geniesst sie die hochste Verehrung unter den Heiligen. In der Schaffhauser Ausstellung lasst sich anhand der ausgestellten Marienfiguren der Wandel des Frauenbildes in der mittelalterlichen Gesellschaft nachvollziehen: Im 14. Jahrhundert tragt die als Standfigur gestaltete Maria ihr noch bekleidetes Kind relativ
statisch auf ihrer Linken. Um 1400 wird Maria zur schönen Madonna des sogenannten weichen Stils. Das Kind als Sinnbild des Heilsbringers wird fortan nackt und in lebendiger Bewegtheit und Zuwendung zur Mutter dargestellt. Im 15. und 16. Jahrhundert entspricht Maria als liebliche Madonna dem Idealbild der stadtischen Bürgerin.

Ein von Dr. Dione Fluhler-Kreis verfasstes kostenloses Begleitheft dient als Ausstellungsfuhrer. Es bietet vertiefte Hintergrundinformationen zur Ikonografie und zum Entstehungskontext der ausgestellten Heiligen und biblischen Gestalten. Das Begleitheft ist in Deutsch und Englisch erhaltlich.

Zeitgenössische Madonnenbilder Dem Bild der Muttergottes gilt auch eine Werkgruppe der international bekannten Schweizer Foto- und Videokunstlerin Annelies Štrba (*1947). Ihre Interpretationen von Madonnenbildern erganzen die mittelalterlichen Werke in kongenialer Weise. Mit ihren ungewohnlichen Bildschopfungen offnet Štrba den Blick fur die spirituelle Dimension der mittelalterlichen Kunst und legt damit Zeugnis ab von der ungebrochenen Faszination fur das christliche Urbild der Muttergottes.

Madonnenbilder faszinieren die Schweizer Kunstlerin seit ihrer Jugend. Diese Anziehungskraft findet Ausdruck in Werken, deren Vorlagen Annlies Štrba fotografiert, verfremdet und verwandelt, um sie schliesslich in neuer Farbigkeit zum Leuchten zu bringen. Der in Schaffhausen ausgestellte Zyklus Icons, bestehend aus 104 Madonnen – darunter auch weltliche – ist eine Auseinandersetzung der Kunstlerin mit der besonderen Kunstform des Votivbildes. Von magischer Anziehungskraft sind auch die drei grossformatigen Werke am Eingang der Ausstellung. Auch hier transponiert die Kunstlerin das universale Motiv der Mutter Gottes mittels Verfremdung, Licht und Farbe bis in die Gegenwart.
Mittelalterliche Skulpturen im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen
Als Schaffhausen im 15. Jahrhundert kulturell und wirtschaftlich prosperierte, waren auch hier zahlreiche Maler und Bildschnitzer tatig. Die Kirchen und Kloster der Stadt waren reich mit Altaren, Bildwerken und Malereien ausgestattet – so auch die Munsterkirche zu Allerheiligen. Allein hier sind 15 Altare uberliefert. Unter dem uberlieferten Inventar befand sich auch der sogenannte „Grosse Gott von Schaffhausen“, ein ungewohnlich grosses, gegen sieben Meter hohes Kruzifix aus Holz, der bis zum Schaffhauser Reformationsjahr 1529 das Ziel vieler Pilger war. Der „Grosse Gott von Schaffhausen“ und auch die meisten anderen Bildwerke in den Schaffhauser Kirchen und Kloster haben die Bildersturme der Reformation jedoch nicht uberlebt. Die heute vorhandenen mittelalterlichen Zeugnisse kamen spater dank Ankaufen und Schenkungen von Schaffhauser Burgern, Vereinen und Stiftungen ins Museum. Sie stammen aus einem weitraumigen Kunstkreis: aus dem Bodensee- und suddeutschen Raum, der sich bis Memmingen und Ulm erstreckte und aus dem Gebiet des Oberrheins, von Chur bis Koln. Heute existiert im Museum eine kleine, aber koharente Gruppe von spatmittelalterlichen Skulpturen, u.a. eine Muttergottes mit Kind aus der Werkstatt von Ivo Strigel, die Pestheiligen Sebastian und Rochus oder eine Visitatio aus dem fruhen 16. Jahrhundert aus der Bodenseeregion.
Das Museum zu Allerheiligen bietet mit seiner klosterlichen Vergangenheit nun einen idealen Rahmen fur die Prasentation der spatmittelalterlichen Figuren der Sammlung Buhrle. Dank diesem „Heiligen Besuch“ rucken fur einmal auch die gotischen Figuren der museumseigenen Bestande wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. So sind zwei der museumseigenen Bildwerke in die Inszenierung der Sonderausstellung ingegriert, weitere Skulpturen sind im
anschliessenden Kreuzsaal als erweiterter Teil der Ausstellung zu sehen.

 

Text: Museum zu Allerheiligen | Foto: Museum zu Allerheiligen
Externer Link: Museum zu Allerheiligen

 

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