Ron Mueck – Modern & Contemporary

20.4. – 6.9.16 | Kunsthistorisches Museum Wien

2016 setzen wir unsere Ausstellungsreihe zu zeitgenössischer Kunst im Theseustempel mit dem Werk Man in a Boat fort, eine Arbeitdes gefeierten australischen Künstlers Ron Mueck, die während eines Stipendienaufenthalts an der National Gallery in London (2000–2002) entstand.

Mueck machte Ende der 1990er Jahre Furore mit seiner detailgetreuen Skulptur eines ausgestreckten nackten Mannes, einer Darstellung seines verstorbenen Vaters (Dead Dad). Die Perfektion dieser Arbeit ist charakteristisch für Muecks Schaffen geworden und verweist auf den ersten Beruf ihres Schöpfers: Bevor er sich ganz der Kunst widmete, war Mueck in der Herstellung von Modellen und Spezialeffekten für Film und Werbung tätig.

Ron Muecks Werk entsteht auf traditionelle Weise; anhand von Fotos, Presseausschnitten oder lebenden Modellen werden plastische Vorstudien geschaffen, die schließlich zu einer Gipsform führen. Für die eigentlichen Werke kommen aber Polyester- und Acrylharze sowie Silikon und Fiberglas-Verbindungen zum Einsatz. Versehen mit Haar und Farbe, erlauben diese Materialien die Gestaltung veristisch anmutender Oberflächen. Zugleich gelingt es Mueck, seinen Figuren einen wirkmächtigen psychologischen Ausdruck zu verleihen. In der irrealen Anmutung ihrer Größenverhältnisse erscheinen sie aber wie Zwischenwesen. Als seien sie einer surrealen  Erzählung entnommen, sprechen sie den Betrachter direkt an, beziehen ihn in ihren Raum mit ein und konfrontieren ihn dabei mit Muecks zentralem Thema: dem Körper und der daran gebundenen Bedingtheit des menschlichen Daseins.

Die Ausstellung ist die erste Personale Ron Muecks in Österreich. Sie wurde kuratiert von Jasper Sharp und wird großzügig unterstützt von den Contemporary Patrons des Kunsthistorischen Museums, dem British Council, Anthony d’Offay sowie Hauser & Wirth.

Ein nackter Mann von etwas mehr als halber Lebensgröße sitzt im Bug eines Ruderboots. Er hat die Arme verschränkt und starrt, den Hals nach vorne gereckt, mit müden Augen in eine mittlere Ferne. Wir wissen nicht, wohin er unterwegs ist oder woher er kommen mag. Er scheint dahinzutreiben, buchstäblich und im übertragenen Sinn, einem Moses mittleren Alters gleich. Wenn auch vom Kokon seines Boots geschützt, bietet er doch ein Bild der Hilflosigkeit und Verletzlichkeit. Er wirkt neugierig und aufmerksam, strahlt aber letztlich etwas Mehrdeutiges aus. Es ist diese Ambiguität, die herzustellen sich Ron Mueck akribisch bemüht. Handelt es sich um eine  Metapher der Geburt, wobei das Boot als traditionelles Symbol für die Unbefleckte Empfängnis steht? Oder um eine Metapher des Todes und unseres Übertritts in das nächste Leben? Dass diese Fragen offenbleiben, lässt uns gleichermaßen gebannt wie beklommen zurück. Der Ort der  Präsentation – hoch über dem Boden in einem Tempel in einem weit vom Meer entfernten Binnenland – trägt zu ihrem geheimnisvollen Charakter bei.

Ron Mueck wurde 1958 als Sohn deutscher Eltern, die beide als Spielzeughersteller arbeiteten, in Melbourne, Australien, geboren. Bereits als Heranwachsender fertigte er, mit Materialien und Techniken experimentierend, Puppen und verschiedene Geschöpfe an. Vom Unterricht in der Highschool abgesehen, hatte er keine formelle künstlerische Ausbildung. Zu Beginn seines Werdegangs schuf er Modelle für Fernsehen  und Film, unter anderem für Jim Hensons Labyrinth (Die Reise ins Labyrinth, 1986), ehe er in London seine eigene Produktionsfirma gründete, die Gegenstände für die Werbeindustrie produzierte. 1997 wurde er mit einem Schlag als Künstler bekannt, als seine Skulptur Dead Dad (Toter Vater) in der Ausstellung „Sensation“ an der Royal Academy in London gezeigt wurde, die Werke aus der Sammlung Charles Saatchi vorstellte. Zu sehen waren Ron Muecks Arbeiten in Einzelausstellungen in der Pinacoteca do Estado de São Paulo, der Fondation Cartier pour l’art contemporain in Paris, der National Gallery of Victoria in Melbourne, dem 21st Century Museum of Contemporary Art in Kanazawa, dem Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington, D.C., der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin und im Frans Hals Museum in Haarlem. 2001 war er zur Teilnahme an der 49. Biennale di Venezia eingeladen.

2012 begann das Kunsthistorische Museum, den Theseustempel im Wiener Volksgarten für eine Ausstellungsreihe zu nutzen. Der vom kaiserlichen Hofarchitekten Pietro Nobile zwischen 1819 und 1823 errichtete Tempel war ursprünglich als Rahmen und Präsentationsort für ein einziges zeitgenössisches Kunstwerk gedacht: Antonio Canovas monumentale Gruppe „Theseus erschlägt den Kentauren“. Fast siebzig Jahre lang stand diese beeindruckende Skulptur aus weißem Marmor allein im Theseustempel, erst 1890 wurde sie in das neu errichtete Kunsthistorische Museum überführt, wo  sie sich noch immerbefindet.

Mit dieser neuen Ausstellungsreihe entspricht der Theseustempel nun erneut seiner ursprünglichen Funktion als Ort, an dem bedeutende Werke eines zeitgenössischen Künstlers gezeigt werden.

Im Rahmen der Ausstellungsreihe waren bisher Werke von Ugo Rondinone (2012), Kris Martin (2012), Richard Wright (2013), Edmund de Waal (2014) und Susan Philipsz (2015) zu sehen.

Der Theseustempel wurde 1819–1823 von Pietro Nobile (1774–1854, führender Architekt des Spätklassizismus in Wien) im Rahmen der Neugestaltung des Volksgartens erbaut. Auftraggeber war Kaiser Franz I. Die Neuordnung war nötig geworden, nachdem die Franzosen 1809 bei ihrem Abzug aus Wien die Bastei vor der Hofburg gesprengt hatten. Ursprünglich als Privatgarten für die  Mitglieder der kaiserlichen Familie gedacht, wurde die Anlage später auf Vorschlag der Hofgartenverwaltung der erste öffentlich zugängliche Park in Hofbesitz. Seit 1825 ist die Bezeichnung „Volksgarten“ gebräuchlich.

Bei dem spätklassizistischen Bauwerk handelt es sich um eine verkleinerte Nachbildung des Theseions in Athen, die speziell für die Aufstellung der Figurengruppe „Theseus besiegt den Kentauren“ von Antonio Canova, eine  der bedeutendsten klassizistischen Monumentalplastiken, gebaut wurde. Antonio Canova (1757–1822, ein Hauptvertreter des italienischen Klassizismus) wird auch die Idee zur Gestaltung des Theseustempels in dieser Form zugeschrieben. 1890 wurde die Theseusgruppe im Rahmen der  Errichtung des Kunsthistorischen Museums in den großen Stiegenaufgang des Neubaus gebracht, wo sie noch heute zu sehen ist.

In der unter dem Theseustempel liegenden Krypta, die von einem seitlich liegenden Eingang in Sarkophagform aus betreten werden konnte (er ist heute nicht mehr erhalten), war ursprünglich ein Teil der Antikensammlung des österreichischen Kaiserhauses untergebracht. Ab 1901 wurde die so genannte Cella (der Innenraum) des Theseustempels zunächst zur Ausstellung von Funden aus Ephesos herangezogen (heute im Ephesos Museum in der Neuen Burg), später diente sie als Ort für Kunstausstellungen der Akademie der bildenden Künste und ab 1992 wurde sie durch das Kunsthistorische Museum genutzt.

Mit der Generalsanierung durch die Burghauptmannschaft in den Jahren 2008–2011 wurde unter Einbeziehung des Bundesdenkmalamtes dem Theseustempel sein ursprüngliches Erscheinungsbild in polierter  Bleiweißfassung zurückgegeben. Dank der neu installierten Beleuchtung des Gebäudes fügt sich der Theseustempel nun auch sehr ansprechend in die abendliche Gebäudekulisse des Hofburg- und Ringstraßenensembles ein. In den Wintermonaten 2014/2015 wurde die kassettierte Gewölbedecke des Theseustempels aufwändig saniert. Die Decke konnte so wieder in den Originalzustand zurückgeführt werden. Vor dem Theseustempel ist die Bronzestatue Jugendlicher Athlet von Josef Müllner (geschaffen 1921) zu sehen.

 

Text: Kunsthistorisches Museum Wien | Foto: Kunsthistorisches Museum Wien
Externer Link: Kunsthistorisches Museum Wien

 

e

 

Über Kunst-Mag 676 Artikel
Kunst Mag ist das neue Online-Magazin mit News und Blogs rund um Kunst. Hier gibt es wöchentlich neue Blogs zu spannenden Themen von verschiedenen Autoren, die Sie teilweise auch aus der Zeitschrift kunst:art kennen. Außerdem berichtet Kunst Mag über Ausstellungen, Museen, Kunstmessen, Auktionen und Galerien. Es lohnt sich bei Kunst Mag vorbeizuschauen! Ihr Kunst Mag-Team

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen