Roberto Donetta Fotograf und Samenhändler aus dem Bleniotal

24.5. – 4.9.16 | Fotostiftung Schweiz

Der Tessiner Roberto Donetta (1865-1932) gehört zu den grossen Aussenseitern der Schweizer Fotografie. Er fristete sein Leben als wandernder Fotograf und Samenhändler und hinterliess nach seinem Tod rund 5000 Glasplatten, die sich durch Zufall erhalten haben: sie halten das archaische Leben seiner Landsleute im damals noch abgeschotteten Valle di Blenio und den langsamen Einzug der Moderne präzis und einfühlsam fest. So wurde Donetta in einer Epoche des Umbruchs über die Zeitspanne von 30 Jahren zu einem einzigartigen Chronisten, verstand sich aber gleichzeitig als Künstler, der — als Autodidakt — mit grosser Freiheit experimentierte und sein Medium virtuos einzusetzen wusste. Seine Bilder sind eindringlich und humorvoll, heiter und todernst, ob sie Kinder, Familien, Hochzeitspaare, Berufsleute, den harten Alltag von Frauen und Männern oder den Fotografen selbst zeigen. Das Valle di Blenio als
Mikrokosmos: mit Donetta wird das Tessiner Bergtal zur Bühne eines grossen Welttheaters. Die Ausstellung zeigt rund 120 Werke aus dem Donetta-Archiv, viele davon werden zum ersten Mal überhaupt öffentlich präsentiert.

Roberto Donetta wird am 6. Juni 1865 in Biasca geboren. Wo er seine Jugend verbringt, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich übersiedelt er gegen Ende der 1870er Jahre mit seiner Familie nach Castro im Bleniotal, als der Vater dort eine Stelle als Militärbeamter antritt. Sicher wohnt Roberto ab 1886 im Tal, wie ein amtlicher Eintrag anlässlich seiner Heirat mit Teodolinda Tinetti belegt. Dort wird er als «contadino», Bauer, registriert, was er aber vermutlich nie war. 1892 eröffnet er einen kleinen Lebensmittelladen in Corzoneso, den er nur ein halbes Jahr betreibt. 1894 geht er als Kellner nach London, kehrt aber nach 15 Monaten krank und erschöpft zurück. Er wird Hausierer und durchwandert das Tal bis in die hintersten Winkel, Gemüse- und Blumensamen verkaufend. Ab 1900 lebt er in Casserio, einer Fraktion der Gemeinde Corzoneso, in der «Casa Rotonda». Mittlerweile haben er und Teodolinda sieben Kinder, wovon eines mit einem Jahr stirbt. Um diese Zeit beginnt er sich mit Fotografie zu beschäftigen. Offenbar führt ihn ein Bildhauer aus Corzoneso, Dionigi Sorgesa, ins Metier ein und vermietet ihm auch einen Apparat. Donetta ist nun nicht mehr nur der Samenhändler, sondern auch der Fotograf des Tals.

Unermüdlicher Wanderer Nach heftigen Auseinandersetzungen über die Verwendung des spärlichen Einkommens trennt sich die Familie 1912: Frau und Kinder verlassen Roberto und ziehen in Richtung Bellinzona auf der Suche nach einer lukrativeren Arbeit. Nur der jüngste Sohn, Saul, bleibt bei seinem Vater. Am 6. Juni 1913, seinem 48. Geburtstag, wird Donetta gepfändet. Er verliert für einige Zeit die Kamera, was ihm sehr zusetzt: «In einem Zeitraum von neun Monaten nicht arbeiten zu können — das zerschnitt den Faden zu meiner Kunst und stürzte mich ins komplette Elend.» Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg verbringt Donetta in grosser Einsamkeit. Unermüdlich ist er in seinem Tal unterwegs. Einige seiner Fotografien erscheinen von 1927 an in einer der ersten Illustrierten der Schweiz, der von Ringier herausgegebenen Zeitschrift «L’Illustré». Am Morgen des 6. September 1932 wird Roberto Donetta tot in seinem Haus aufgefunden. Seine gesamte Fotoausrüstung wird konfisziert und versteigert, um mit dem Erlös seine
Schulden bei der Gemeinde zu begleichen. Sämtliche Glasplatten hingegen bleiben unberührt. Erst Mitte der 1980er Jahre werden sie von Mariarosa Bozzini in Corzoneso wiederentdeckt.

Zwischen Tradition und Moderne Donettas Persönlichkeit ist voller Widersprüche. Einerseits bekundet er grosses Interesse an all
jenen Phänomenen, die mit dem Einzug der Moderne einhergehen, so auch an der Fotografie. Anderseits gibt er sich betont konservativ, wenn es um den Zusammenhalt der Familie oder um seine Naturverbundenheit geht. Diese hält ihn auch davon ab, das Tal zu verlassen und eine sichere Arbeit in der Stadt anzunehmen. Er beklagt sich über den unaufhörlichen Wandel, verbunden mit Strassenbau und neuen Bahnlinien, die dem Tal keinen Segen bringen. Als
Fotograf erliegt er zwar der Faszination der Moderne, drückt aber zugleich auch seinen tiefen Respekt gegenüber den althergebrachten Traditionen und Ritualen aus. Roberto Donettas Leidenschaft gilt zweifellos der Porträtfotografie. Bei der Darstellung von Menschen legt der Autodidakt nicht nur eine erstaunliche technische Meisterschaft an den Tag, sondern kann auch seiner Kreativität freien Lauf lassen — obschon gerade dieses Feld der Fotografie stark von den Konventionen und Erwartungen der Kundschaft geprägt ist. Bemerkenswert sind seine zahlreichen Porträts von Kindern. Bei den Kindern kann er seine
Lust am Komponieren, sein Talent als Regisseur kleiner Inszenierungen besonders gut ausleben. Er nimmt die jungen Menschen ernst, und sie wiederum sind ihm Komplizen, die sich auf seine eigenwilIigen Ideen einlassen.

Der Chronist und sein Stil Donetta begleitet das Tal durch sein Leben, fotografiert im Auftrag die Bewohnerinnen und Bewohner, die Vertreter verschiedener Berufe sowie Ereignisse aller Art: ein Bischofsbesuch, die Ankunft eines Karussells, eine Überschwemmung, ein Brand oder der Bau einer Eisenbahn oder die Errichtung eines Glockenturms. Er ist auch beim rituellen Leben immer dabei, bei den Übergängen von einer Altersstufe zur andern, von einer sozialen Gruppe zur nächsten, oder bei den markanten Fixpunkten im profanen und kirchlichen Jahreslauf: Feste, Hochzeiten, Todesfälle, Prozessionen, Gottesdienste im Freien sind ohne «il fotografo» nicht denkbar. Donetta macht die Fotografie zu einem wichtigen Teil des Rituals — mit der Zeit gehört der Fotograf zum Tal wie der Pfarrer zur Kirche. Gerade darauf beruht die Qualität seiner Bilder: die Leute verstellen sich nicht. Es ist, als würden sie vergessen, dass da einer mit Kamera mitsieht; sie sind in sich versunken, ernst, ganz bei sich selbst.

Das improvisierte Studio Da Donetta kein eigenes Studio besitzt, reist er für seine Portraits im ganzen Tal umher und fertigt nur kleine und bescheidene Abzüge in Postkartenformat (7×11 cm) an, die er gelegentlich mit seinen Initialen stempelt. Oft besteht die einzige Verzierung aus einer ovalen Vignettierung oder aus abgerundeten Rändern. Nicht selten liefert er die bestellten Fotografien mit Verspätung aus, da er, um Chemikalien zu sparen, nur selten entwickelt. Und spätabends, nach seinen Rundgängen als Samenhändler, müht er sich mit der Kundenkorrespondenz ab. Seine Werke sind weit entfernt von den eleganten, edlen, goldumrandeten Kärtchen, die man ohne lange Wartezeit in den städtischen Studios anfertigen lassen kann. Dennoch imitiert Donetta die dekorative Studio-Ästhetik der professionellen Ateliers des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf seine Weise: er verwandelt Innenräume oder Sitzplätze im
Freien in improvisierte Studios. So spannt er beispielsweise Tücher oder Teppiche als Hintergrund auf und stellt Objekte wie Stühle oder Tischchen mit Blumenvasen in den Vordergrund. Seine Porträts sind sorgfältig komponiert und arrangiert, wirken ungekünstelt, ruhig und archaisch. Schon wegen der langen Belichtungszeiten ist er darauf bedacht, Zufall und Spontaneität möglichst ausschalten.

Daneben wagt er sich auch an Experimente oder fotografiert einfach für sich: Stilleben, Gewitterstimmungen, Nebelformationen, seltsame Felsen und ebensolche Umrisse von Bäumen. Diese Aufnahmen bestechen durch ihre Modernität und Originalität und verraten einen neugierigen, an ästhetischen Fragen interessierten Menschen.

 

Text: Fotostiftung Schweiz | Foto: Fotostiftung Schweiz
Externer Link: Fotostiftung Schweiz

 

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