Begemanns Blog | Oligarchenresidenzen

Private Wohnhäuser

Eine Bausparte, wo das Geld definitionsgemäß keine Rolle spielt, sind die privaten Wohnhäuser – man spricht hier heutzutage nicht ohne Grund, quasi spätfeudal, von Residenzen – von superreichen Menschen. Es ist interessant, beinah könnte diese Bauaufgabe dienen als Leitfossil der modernen Architektur des gesamten 20. Jahrhunderts: Die Rolle als mustergültige Erfüllung einer neuen architektonischen Programmatik, die im Mittelalter die Kirche, in Renaissance und Barock der Palast und im 19. Jahrhundert die Verkehrsbauten inne hatten, diese Rolle nahm seit den Tagen des emphatisch so genannten Neuen Bauens das anspruchsvolle private Wohnhaus ein, also letztlich eine Art von Einfamilienhaus. Walter Gropius; Mies van der Rohe oder Gerrit Rietveld, vor allem aber Le Corbusier – man denke nur an die Villa Savoye in Poissy nordwestlich von Paris – haben im diesen Projekten Prototypen ihrer ästhetischen und technischen Idealvorstellungen realisieren können. Das ging, logisch, nicht ohne Klienten, die neben der gehörigen Zahlungsfähigkeit (und Zahlungsbereitschaft) auch Mut mitbrachten und nicht zuletzt den Willen, einige Unbequemlichkeiten zu akzeptieren, um in diesen Schauobjekten leben zu können. Warum möchte man für sehr viel Geld unbequem und unpraktisch wohnen? Die Kunden der Baumeister hatten sich offenbar deren Botschaft von radikaler baulicher Innovation für ein radikal neues Leben zu Eigen gemacht. Eine Art von Repräsentationsbedürfnis also, dem ein gehöriges Maß von missionarischem Elan beigemengt war.

Auch Zaha Hadid hat, neben ihren bereits diskutierten Bauten für öffentliche Auftraggeber, für Privatkunden gebaut. Das sicher bemerkenswerteste dieser Projekte ist die Capitol Hill Residence, eine Villa im Waldgebiet Barvikha nahe von Moskau. Auf einer Lichtung am Hang entwarf die Architektin 2011 für einen russischen Immobilienunternehmer einen Bau, der der herkömmlichen Auffassung von Villa als eines einzelnen, geschlossenen Baukörpers entgegensteht. Es handelt sich vielmehr um eine asymmetrische Zusammenstellung einzelner, pavillonartiger Elemente, die in der Tiefe, vor allem aber in der Höhe gestaffelt sind. Im wörtlichen Sinne herausragend aber ist die Topetage: drei der besagten Pavillons, die miteinander verbunden, auf einer Art Turm aufgesetzt sind. Die von anderen Projekten bekannten technischen spezial effects sind auch hier entscheidend: Der Aufsatz überragt freitragend den Sockel an allen Seiten um ein Erhebliches.

 

Text: Dieter Begemann

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Begemanns Blog: Sternschnuppen An dieser Stelle soll es um ästhetische Sternschnuppen gehen und, wie es die Schnuppen so machen, sollen sie hin und her zischen auf manchmal verblüffenden Kursen – kreuz und quer! Ich konnte (und musste zum Glück mich auch nie) entscheiden zwischen praktisch-bildkünstlerischen und theoretischen Interessen: Ich liebe Malerei und Bildhauerei, begeistere mich für Literatur, bin ein Liebhaber von Baukunst und Design –aber meine absolute Leidenschaft gehört der Gestaltung von Gärten und Autos. Und, eh ich’s vergesse: natürlich dem Film!!

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