Die Koboldin Pipilotti Rists Himalaya-Raum in der Pinakothek der Moderne

21.5. – 31.10.16 | Pinakothek der Moderne

Heiter ist ihre Kunst und alles andere als erdenschwer. Schon ihr Vorname ist Programm: Elisabeth Charlotte Rist, 1962 in St. Gallen geboren, nennt sich Pipilotti Rist. Dafür kombinierte sie ihren Spitznamen Lotti mit Pippi Langstrumpf, dieser unsterblichen Kinderbuch-Heldin. Aufmüpfig und unabhängig, eigenwillig und stark sind sie beide, Pippi und Pipilotti – und immer für eine Überraschung gut.

Die vielfach ausgezeichnete Schweizer Künstlerin nutzt mit dem Video ein Genre, das vielen als spröde und schwer zugänglich gilt. Pipilotti Rists Aktionen und Installationen sind jedoch für alle Sinne gemacht: zum fröhlichen Anschauen, Zuhören, Erspüren, Erleben. Häufig kreisen sie um das Bild der Frau und ihren Körper, und dies in der Regel mit einer herzerfrischenden Leichtigkeit. Ein Grund ist möglicherweise, dass die in Zürich lebende Künstlerin keine klassische Kunstakademie-Ausbildung durchlaufen hat, sondern zunächst Gebrauchsgrafik an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien und Videotechnik an der Schule für Gestaltung in Basel studierte, bevor sie begann, die Kunstwelt mit ihren frechen Arbeiten zu irritieren.

In ihren Videos ist die Frau kein ausgeliefertes Objekt, sondern selbstbestimmt Handelnde, etwa in „Ever is Over All“ (Immer ist überall/Immer ist vorbei, 1997), einer ihrer  bekanntesten Videoinstallationen, für die sie einen Preis der Biennale in Venedig erhielt. Sie zeigt eine junge Frau, die in Zeitlupe mit einer roten Blume, einer Fackellilie, die Fenster geparkter Autos einschlägt. Freundlich grüßend geht eine Polizistin ungerührt am Debakel vorbei.

Als Pipilotti Rist vor einigen Jahren für eine Wochenzeitung das Feuilleton gestaltete, schuf sie darin einen Starschnitt in Lebensgröße, der sie selbst als „Fix-it-woman“ auf Jean-Paul Belmondos Nase präsentierte: attraktiv und zugleich in der Lage, Steckdosen und Wechselströme zu reparieren – physische und psychische. Pipilotti Rist mag es, wenn die Wellenlängen passen.

Zu ihren wichtigsten Arbeiten gehört die große Rauminstallation „Himalaya Goldsteins Stube“ von 1998/99. Sie wird nun im Rahmen der Neupräsentation der Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne erstmals seit langer Zeit wieder in München gezeigt. In dem Raum befinden sich nicht nur mehrere Videoprojektionen, er ist ein großes Sammelsurium von Möbeln und allerlei Krimskrams aus dem vergangenen Jahrhundert: Lampen, Teppiche, Plastikblumen, eine Dart-Scheibe, ein stehender Buddha mit erhobener Hand, der die Angst vertreibt, Stapel von Zeitschriften und Büchern stehen und liegen hier – nicht wohlgeordnet, sondern scheinbar chaotisch angeordnet. Himalaya ist das persönliche Gebirge der von Rist – die im übrigen ihren wenige Jahre später geborenen Sohn ebenfalls so nannte – erschaffenen Himalaya Goldstein. Die Videos, die von unsichtbaren Projektoren auf manche Objekte, etwa die Kissenecke auf dem roten Sofa, projiziert werden, wirken wie nach außen gestülpte Erinnerungen. So macht sie Gegenstände lebendig und zeigt die Erfahrungen, die mit ihnen verbunden sind.

Text: Sabine Scheltwort | aus kunst:art 49 | Bild: Pinakothek der Moderne

Reset. Pipilotti Rist – Himalaya Goldsteins Stube
21.5. –  31.10.2016
Pinakothek der Moderne
Barer Straße 40
D-80333 München
Tel.: +49-89-238050
täglich 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr
Eintritt: 10 €, erm. 7 €
www.pinakothek.de

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