Der Blaue Reiter

3.2. – bis auf Weiteres | Lenbachhaus

Das Lenbachhaus besitzt die weltweit größte Sammlung zur Kunst des >Blauen Reiter<, eine der wichtigsten Bewegungen der künstlerischen Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Der >Blaue Reiter< war ein Künstlerkreis, der sich 1911 um Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Franz Marc in München gebildet hat. Anders als etwa die >Brücke<-Expressionisten in Dresden und Berlin, war der >Blaue Reiter< keine Gruppe mit enger Lebensgemeinschaft und einheitlichem Stil, sondern ein loser Zusammenschluß von Künstlern unterschiedlicher Ausprägung. Ihre Bandbreite reichte von den strahlend farbigen, expressiven Landschaften und Porträts Gabriele Münters und Alexej Jawlenskys über die großen Tiersymbole von Franz Marc und die intellektuellen Bildschöpfungen Paul Klees bis zu den abstrakten Kompositionen Wassily Kandinskys. Ein verbindendes Moment war der gemeinsame Glaube an eine ‘geistige’ Dimension der Kunst, die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten Raum bot. Dieser spezifische, spirituelle Ansatz unterscheidet den >Blauen Reiter< ebenso von allen anderen Gruppierungen der damaligen Avantgarde wie das Prinzip der Internationalität, zu dem sich die Künstler explizit bekannten. Nicht zuletzt waren in ihrer Gruppierung mit Gabriele Münter, Marianne von Werefkin und Elisabeth Epstein Frauen selbstverständlich als gleichberechtigte Künstlerinnen tätig und auf den Ausstellungen vertreten.

Die weltbekannte Sammlung des >Blauen Reiter< verdankt das Museum in erster Linie der überaus großzügigen Stiftung von Gabriele Münter, der Malerin und bis 1914 Lebensgefährtin Wassily Kandinskys, die dem Lenbachhaus an ihrem 80. Geburtstag 1957 über 1000 Werke des >Blauen Reiter< zum Geschenk machte. Alle Werke stammen aus der Zeit des gemeinsamen Durchbruchs zu einer neuartigen, expressiven und farbintensiven Malerei vor 1914, die im Falle von Kandinsky in die Abstraktion münden sollte. Darunter befanden sich über 90 Ölbilder von Kandinsky, etwa 330 Aquarelle und Zeichnungen, das druckgrafische Werk, Skizzenbücher und Hinterglasbilder von seiner Hand, zudem über 25 von Münters eigenen Gemälden, etwa 200 Arbeiten auf Papier und ihr komplettes druckgraphisches Werk. Hinzu kamen Werke der Künstlerfreunde wie Franz Marc, August Macke, Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin und Paul Klee. Mit der großartigen Schenkung Gabriele Münters wurde die Städtischen Galerie im Lenbachhaus zu einem Museum von Weltrang.

1965 konnte der damalige Museumsdirektor Hans Konrad Roethel eine weitere wichtige Schenkung entgegen nehmen: Die Erben von Bernhard Koehler, einem wohlhabenden Berliner Fabrikanten und Sammler, Onkel von Elisabeth Macke und Mäzen des >Blauen Reiter<, stifteten Hauptwerke von Franz Marc und August Macke hinzu, ebenso Bilder von Alexej Jawlensky und Jean-Bloé Niestlé. Die Stiftung von Elly und Bernhard Koehler jun. 1965 eröffnete mit der Münter Stiftung 1957 dem Lenbachhaus eine nationale und internationale Ausrichtung auf hohem Niveau, der sich die Sammlung mit ihren Schwerpunkten im 19. Jahrhundert, im >Blauen Reiter< und in der Gegenwartskunst bis heute verpflichtet fühlt.

Der Nachfolger von Hans Konrad Roethel, Armin Zweite, hat 1974-190 die Abteilung des >Blauen Reiter< besonders durch substantielle Ankäufe von Gemälden Paul Klees erweitern können. Wir haben die Erwerbungstätigkeit der Vorgänger fortgesetzt, so konnte die Sammlung in den Jahren 1990 – 2013 neben Werken von Künstlern wie Adolf Erbslöh, Alexander Kanoldt, Pierre Girieud, Albert Bloch, Erma Bossi, Georgia O’Keeffe, Adriaan Korteweg und Otto Freundlich auch durch die Erwerbung von Marcs Aquarellstudie Mandrill (1913), von Kandinskys Zubovsky Platz (1916) und zuletzt des großen Figureninterieurs Im Zimmer (1913) von Gabriele Münter bereichert werden. Viele von diesen Erwerbungen sind jetzt in die Neupräsentation integriert, ebenso das enigmatische Gemälde von August Macke, Der Geist im Hausgestühl (Stillleben mit Katze) (1911), das die Schausammlung als Dauerleihgabe wirkungsvoll verstärkt.

In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat die Städtische Galerie im Lenbachhaus in einem großen Zyklus wichtiger Ausstellungen beständig mit ihrer Sammlung des >Blauen Reiter< gearbeitet und nicht nur mit wegweisenden Künstler-Retrospektiven und Katalogbüchern etwa zu Franz Marc, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Paul Klee und Alfred Kubin Maßstäbe gesetzt. Daneben hat das Lenbachhaus stets auch ein besonderes Augenmerk auf die Präsentation seiner Schausammlung des >Blauen Reiter< gerichtet. 1992 wurde in dieser Abteilung ein damals revolutionäres Konzept realisiert: Anstelle des seit den 1920er Jahren im Kanon der Museums-Präsentationen dominierenden ‘White Cube’, der Vorherrschaft von Weiß als Wandfarbe in Ausstellungs- und Schauräumen, entschied man sich nach dem Amtsantritt von Helmut Friedel als Direktor für farbige Wände, zum Teil in leuchtendem Rot, Blau und Gelb. Die farbige Wandgestaltung im Lenbachhaus wurde dabei durch umfangreiche historische Forschungen begleitet, die in der Publikation Farbige Wände. Zur Gestaltung des Ausstellungsraums von 1880 bis 1930 dokumentiert sind. Seitdem hat das Beispiel des Lenbachhauses Schule gemacht: Heute gibt es kaum mehr eine Ausstellungspräsentation, die nicht mit farbigen Wänden arbeitet. In den Jahren 2006 bis 2009 kam ein weiteres Experiment hinzu: Vier Künstler, Franz Ackermann, Thomas Demand, Olafur Eliasson und Katharina Grosse, wurden eingeladen, sich mit jeweils einem Raum von Franz Marc, August Macke, Wassily Kandinsky und Alexej Jawlensky auseinander zu setzen. Während der Schließung des Lenbachhauses von 2009 bis 2012 waren Teile der Sammlung des >Blauen Reiter< auf Ausstellungstourneen unterwegs, in Baden-Baden, Den Haag, auf vier Stationen in Japan und in Moskau, graphische Arbeiten auf Papier waren zu Gast in der Albertina Wien.

In der ab Mai 2013 wieder zugänglichen, neu eingerichteten Schausammlung wird der >Blaue Reiter< in elf Räumen auf dem gesamten 2. Obergeschoß präsentiert. Erneut haben wir uns für farbige Wände in ausgesuchten Tönen und Materialien entschieden: In der Raumfolge des Altbaus wurde Flieder für das Frühwerk Kandinskys und Münters in Verbindung mit dem Münchner Jugendstil gewählt, gefolgt von einem Ockergelb für den mittleren Raum mit bekannten Werken von Gabriele Münter, etwa Stillleben mit Heiligem Georg (1911) oder Kandinsky und Erma Bossi am Tisch (1912). Dieser Farbton nimmt das Ocker des Außenanstrichs der Villa auf und markiert auch auf diese Weise, daß es sich um ein Herzstück des Altbaus handelt. Münter teilt sich diesen Raum mit frühen Gemälden von August Macke, sie ist zudem in vier weiteren >Blaue Reiter< – Räumen des Neubaus präsent und in neuen Sehzusammenhängen „zu Gast“.Im Altbau wird die Raumfolge durch den grandiosen, in lichtem Blaugrau gehaltenen Oberlichtsaal mit den berühmten Werken von Franz Marc und August Macke abgeschlossen, etwa mit Marcs Blaues Pferd I (1911) und Tiger (1912) oder Mackes Zoologischer Garten (1912) und Promenade (1913).

Zwischen dem Münter/ Macke- und dem großen Marc/ Macke-Saal im Altbau wird die Sammlung des >Blauen Reiter< durch einen Einschub mit Malerei zur >Neuen Sachlichkeit< und Magischem Realismus der 1920er und 1930er Jahre unterbrochen. Diese Hängung wirkt einerseits als produktiver Störfaktor und verfolgt andererseits formale wie historische Linien weiter, die sich gerade aus der Figurenmalerei Münters und Mackes entwickeln lassen und zum Nachdenken anregen. Im Neubau beginnt der Rundgang des >Blauen Reiter< mit den populären, farbenprächtigen Murnauer Landschaften um 1908/09 von Kandinsky, Münter und Jawlensky auf blauen Wänden, gefolgt von einem Raum mit Bildern der von ihnen 1909 gegründeten >Neuen Künstlervereinigung München< auf dunklem Gelb. In der Sichtachse des Stirnraums zieht Jawlenskys suggestives Bildnis des Tänzers Alexander Sacharoff (1909) in feuerrotem Kleid die Blicke auf sich, umgeben von anderen berühmten Gemälden wie Münters Porträt Marianne von Werefkin (1909) oder Zuhören (Jawlensky) (1909). Hier hängen die Werke auf Wänden mit einem speziellen Lehm-Glimmer-Verputz, der von japanischen Techniken inspiriert ist. Im nächsten Raum ist eine exquisite Auswahl von Kandinskys größeren Gemälden von 1909 bis 1911, darunter Impression III (Konzert) (1911) und Romantische Landschaft (1911) auf hellem Steingrau präsentiert, das alle Farbwerte zum besonderen Leuchten bringt. Der folgende Eckraum mit Blick auf den Königsplatz und die Propyläen ist in Hellgelb gehalten und überwiegend von Kandinsky und Jawlensky besetzt. Ihm folgt ein länglicher, mit silbergrauem Moirée-Stoff ausgeschlagener Raum, der neben den späten Köpfen und Mediationen Jawlenskys und Münters Sinnender berühmten Werken von Paul Klee gewidmet ist, etwa Rosengarten (1920), Botanisches Theater (1924/34) oder Klippen am Meer (1931). Im angrenzenden Eckraum, erneut durch einen diesmal gelblich getönten Lehm-Glimmer-Verputz geheimnisvoll belebt, ist ein Kabinett mit lichtempfindlichen Werken Klees wie Waldbeere (1921) und Schweißtuch des Geigers (1930), bekannten Aquarellen Mackes und Marcs neben Werken von Robert Delaunay und Kandinsky eingerichtet. Als Abschluß und Höhepunkt des >Blaue Reiter<- Rundgangs im Neubau öffnet sich der große, mit schwarzem Seiden-Moirée bespannte Kandinsky-Raum mit seinen weltbekannten Werken aus der Phase der expressiven Abstraktion von 1911 bis 1914, wie St. Georg III (1911), Improvisation 19 (1911), Improvisation 26 (Rudern) (1912) oder den Studien zu Komposition VII (1913). Zudem befindet sich hier das große Gemälde Roter Fleck II (1921), das als eines der wenigen Kandinsky-Werke nach 1914 in der Sammlung des Lenbachhauses nun optimal ergänzt wird durch eine großzügige Dauerleihgabe von Im Schwarzen Viereck (1924) aus dem Guggenheim Museum New York, mit dem nun auch die Bauhaus-Periode des Künstlers gezeigt werden kann. Der ebenso mutige wie aufwendige Entschluß, zwei Räume des >Blauen Reiter< mit Moirée-Seide zu bespannen, greift zum einen das Vorbild der dunklen Wandverkleidung der legendären 1. Ausstellung des >Blauen Reiter< in der Münchner Galerie Thannhauser 1911/12 auf, die durch die historischen Fotos von Gabriele Münter dokumentiert ist. Im großen Kandinsky-Raum verweist die Fusion von schwarz bespannten und weißen Wandfeldern mit ihrer klaren graphischen Zeichnung darüber hinaus auf die Gestaltungsideen des Bauhauses voraus.

 

Text: Lenbachhaus | Foto: Lenbachhaus
Externer Link: Lenbachhaus

 

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