Werkstatt für Photographie 1976-1986 – Und plötzlich diese Weite

9.12.16 | Sprengel Museum Hannover

Mitten im Kalten Krieg initiiert die Werkstatt eine künstlerische „Luftbrücke“ zu den USA, ein demokratisches Experimentierfeld jenseits traditioneller Ausbildung und politisch-institutioneller Vorgaben. Aus dem Dialog zwischen anerkannten Fotografen und Amateuren, zwischen technischer Vermittlung und inhaltlicher Kritik und auf der Grundlage dokumentarischer Ansätze entsteht eine spezielle künstlerische Haltung, die durch ihren spezifischen Zugang zur Wirklichkeit über lange Zeit stilprägend sein wird. Die Werkstatt für Photogra-phie, die bis 1986 existiert, erlangt mit intensiver Vermittlungsarbeit durch Ausstellungen, Workshops und spezialisierten Kursen internationales Niveau und etabliert in Europa einen transatlantischen Dialog in der Fotografie. In etwa zeitgleich findet in Westdeutschland eine Etablierung jener Infrastrukturen statt, die die Emanzipation der Fotografie als Kunstform vorbereiten und begleiten. Dazu gehören die Gründungen der ersten Fotogalerien Anfang der 1970er-Jahre, die documenta 6 von 1977, und die Etablierung von Zeitschrif-ten als Selbstverständigungsmedien der Fotografierenden. Nach dem Tod des einflussreichen Lehrers Otto Steinert übernimmt Michael Schmidt 1979/80 einen Lehrauftrag an der Universität-Gesamthochschule Es-sen. Dort stellen die jungen Fotografen Fragen nach neuen Formen des Dokumentarischen sowie nach au-thentischen Bildern und Haltungen. Sie formulieren einen forschenden, subjektiven Blick und entdecken die Farbe als künstlerische Ausdrucksmöglichkeit. Es ist der Beginn eines weiteren, nun innerdeutschen Brü-ckenschlags von Berlin nach Essen und zurück. Das Ausstellungsprojekt formuliert eine multiperspektivische Erzählung dieser Form der deutschen Fotografie der 1970er- und 1980er-Jahre, ihrer internationalen Bezie-hungen, ihrer Akteure und Netzwerke, und ergänzt so die Geschichtsschreibung um ein weiteres, bislang weitgehend unbeachtetes Kapitel.

Die Ausstellung Und plötzlich diese Weite im Sprengel Museum Hannover setzt mit ca. 200 Werken von ca. 40 Autoren Schlaglichter auf die Entwicklung jener Infrastrukturen, die die künstlerische Emanzipation der Fotografie in den 1970er-Jahren begleiten und befördern. Die Arbeit der Schweizer Zeitschrift Camera in den Jahren von 1966 bis 1981 und die Gründung der ersten deutschen Fotogalerien, Album Fotogalerie, Köln (1971) und Galerie Lichttropfen, Aachen (1974), und Fotografeninitiativen wie die Spectrum Photogalerie Hannover (1971) markieren den Beginn dieser Erzählung. Wenige Jahre später, 1977, trägt die documenta 6 mit der Sektion Fotografie wesentlich zur Popularisierung des Mediums und seiner Anerkennung als Kunst bei. In diesem Umfeld intensivieren sich in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre die Selbstverständigungs-prozesse unter den Fotografierenden. In den neu gegründeten Zeitschriften und auf Symposien wird der internationale Austausch gesucht. Die Arbeit der Camera Austria im Forum Stadtpark, Graz, ist dafür ein herausragendes Beispiel.

Zu sehen sind Werke von Bernd und Hilla Becher, Tuna Ćiner, Thomas Deutschmann, Hans-Peter Feld-mann, Robert Frank, Seiichi Furuya, André Gelpke, Ralph Gibson, Jean-Luc Godard, John Gossage, André Kertész, Herbert List, Duane Michals, Werner Mantz, Gabriele und Helmut Nothhelfer, Heinrich Riebesehl, Philipp Scholz Rittermann, August Sander, Wilhelm Schürmann, Manfred Willmann und anderen, darüber hinaus zahlreiche Fotografien aus dem Archiv Allan Porter/Prof. Wulf Rössler, Zürich. Zu hören sind Tondo-kumente aus dem Archiv der Camera Austria.

 

Text: Sprengel Museum Hannover | Foto: Sprengel Museum Hannover
Externer Link: Sprengel Museum Hannover

 

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