FRISCHZELLE_23 – MELANIE DORFER

15.10.16 – 17.9.17 | Kunstmuseum Stuttgart

Melanie Dorfers Kunst überschreitet die Grenzen einer auf die Fläche begrenzten Malerei. Organische Formen, eine starke Farbigkeit und eine besondere Aufmerksamkeit für das Material zeichnen sie aus. Der Großteil ihrer Arbeiten ist ortsspezifisch. Die Künstlerin bezieht sich auf den konkreten Raum und seine Strukturen, indem sie Bildträger und Wand verschmelzen lässt. Eigens für die »Frischzelle_23« entwickelt Dorfer eine großformatige Wandinstallation, die Bezug nimmt auf die besondere architektonische Situation der Ausstellungsräume im Kunstmuseum Stuttgart.

Das Zusammenspiel von sich an- und abstoßenden Formen, der Kontrast verschiedener Oberflächengestaltungen und eine auffallende Farbigkeit sind die Grundkonstituenten der Werke von Melanie Dorfer. Das Spektrum umfasst dabei flache Leinwandarbeiten, dreidimensionale ›Bildobjekte‹ und ortspezifische Arbeiten.

Im Kunstmuseum Stuttgarten sind Leinwandarbeiten zu sehen, in denen die Künstlerin durch das Nebeneinander von natürlichen Pigmentfarben und industriellen Lackfarben unterschiedliche Oberflächen erzeugt, die in einem spannungsreichen Kontrast zueinander stehen. Auch sind mehrere ›deformierte‹ Arbeiten vertreten, in denen Dorfer zum einen das Zusammenspiel von individueller Farbe und Form auslotet; zum anderen sind aber Leinwand und Papier nicht mehr nur bloße Farbträger, sondern werden, indem sie verformt werden, zu skulpturalen Elementen. Es sind Gebilde, die dreidimensional in den Raum greifen.

Der Großteil von Melanie Dorfers Arbeiten ist ortsspezifisch. Sie werden einmalig und temporär für eine Ausstellungssituation geschaffen. Dem künstlerischen Entstehungsprozess dieser Arbeiten geht eine präzise Beschäftigung mit der Beschaffenheit der jeweiligen Ausstellungsräume voraus. Die Künstlerin bezieht in ihre Vorstudien nicht nur die Proportionen des Raumes ein, sondern auch dessen charakteristischen Ecken und Kanten, Leisten sowie Vor- und Rücksprünge.
Der Bereich, der im Kunstmuseum Stuttgart den Künstlerinnen und Künstlern der »Frischzelle« vorbehalten ist, zeichnet sich durch eine etwa neun Meter hohe und vorspringende Wand aus. Auf diese große Fläche reagiert Dorfer mit zwei Leinwänden, die sie über die monumentale Wand und über ihre Stirnseiten unterhalb der Brüstung im oberen Stockwerk gleichsam ›wuchern‹ lässt.

In einem aufwendigen und zeitintensiven Prozess spannt und formt Dorfer die Leinwände, fixiert und verspachtelt sie, grundiert und bemalt sie anschließend, sodass der Eindruck ensteht, die Wandfläche werde ›lebendig‹, wölbe sich und werfe Falten. Die Wand ist hier nicht mehr reine Präsentationsfläche für Bilder, die hinter der Kunst, die sie trägt, zurücktritt. In dem Moment, in dem die Leinwand mit der Wand verschmilzt, wird auch die Wand integraler und konstitutiver Bestandteil des Werkes – und somit selbst zum Bild.

Melanie Dorfers Kunst kann in der Tradition spätmoderner Malerei gesehen werden. »Ausstieg aus dem Bild« – mit dieser griffigen Formel hat Laszlo Glozer das Projekt einer Entgrenzung der Künste in den 1960er- und 1970er-Jahren umschrieben, als Künstlerinnen und Künstler eine auf die Fläche beschränkte Malerei hinter sich ließen und eine Synthese heterogener Gattungen und Medien anstrebten. Zu denken ist hier an Ellsworth Kelly, der mit seinen rahmenlosen
»shaped canvases« ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Bildelementen ohne übergeordnete und hierarchisierende Bildkomposition proklamierte; oder auch an Lucio Fontana, der etwa zeitgleich mit seinen »Concetti Spaziale« die Gattungsgrenzen zu überwinden suchte, indem er durch Perforierungen und Schnitte der Leinwand eine räumliche Dimension hinzufügte.

Melanie Dorfer (*1986 in Sindelfingen) studierte Malerei in Karlsruhe und Düsseldorf. Sie wurde
mit dem Akademiepreis der Stadt Freiburg sowie dem Postgraduierten-Stipendium der University of Minnesota (USA) ausgezeichnet. Sie erhielt außerdem den Debütantenpreis des Landes Baden-Württemberg, aus dem die Ausstellung »Tangenten« mit Jörg Sobott im Badischen Kunstverein in Karlsruhe (2016) hervorging. Die »Frischzelle_23« ist Dorfers erste museale Einzelausstellung.

 

Text: Kunstmuseum Stuttgart | Foto: Kunstmuseum Stuttgart
Externer Link: Kunstmuseum Stuttgart

 

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