IN SEVEN DAYS TIME – Außenarbeit für das Kunstmuseum Bonn von Katharina Grosse

25.5.11 – permanent | Kunstmuseum Bonn

Katharina Grosse (*1961) hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten in herausragender Weise das Medium Malerei systematisch auf seine Bedingungen und Möglichkeiten befragt und dabei zunehmend vom klassischen Bildfeld in den Raum hinein erweitert. Seit Anfang der 90er Jahre ist auf diese Weise eines der aufregendsten, anbindungsfähigsten malerischen Werke entstanden, das die internationale Gegenwartskunst kennt.

Vor allem durch die offensive Eroberung von Raum und Architektur mit einer Spraymalerei, die Wände, Böden und Decken gleichermaßen erfasst, hat sich das Werk der Künstlerin eine Flexibilität und Unverwechselbarkeit erobert, mit der es auf die jeweilige Ausstellungssituation zugleich präzise und spezifisch reagieren kann. Diese Malerei, die im eigentlichen Sinn keine mehr ist, lässt die historischen Gegensätze von abstrakt und gegenständlich, von Räumlichkeit und Flächigkeit hinter sich. Wie ein Virus implemen-tiert sie sich in den Ausstellungsräumen und verwirklicht sich als multiple Inszenierungsform: So ist sie gleichermaßen illusionistische Farbräumlichkeit mit vorgeblicher Tiefe und mimetischen Referenzpunkten, kühl-flaches Spraygeflecht, das jede Nähe zu auratisch-handschriftlicher Tafelbildlichkeit dementiert, raumbezogene, performative Momentaufnahme mit Anklängen an die Street-Sprache roher Graffitis, und subtile Architekturintervention mit aus dem Barock gespeister malerischer Auflösung des gebauten Steins. Mit der in den letzten Jahren erfolgten Einbeziehung von Erde, Sand, sowie kubischen und sphärischen Körpern in ihre Sprayensembles wird die körperliche Dimension des Werks noch deutlicher fassbar.

Für das Kunstmuseum Bonn hat die Künstlerin nun mit IN SEVEN DAYS TIME eine spektakuläre Außenarbeit entwickelt, die einen vollkommen neuen Schritt in ihrem OEuvre darstellt. Es handelt sich dabei um eine knapp sieben Meter hohe und zwanzig Meter lange, nach außen ge-wölbte unregelmäßige „Scherbenform“ aus Fiberglas, die an der zentralen Längswand des Museums „lehnt“, und dabei in einen differenzierten Dialog mit der Architektur Axel Schultes tritt. In einem über zwei Jahre dauernden Prozess hat sich Katharina Grosse intensiv mit der ikonischen Qualität des architektonischen Entwurfs auseinandergesetzt und dabei eine Arbeit geschaffen, die Funktionen und Qualitäten der Architektur, des Tafelbildes und der Skulptur gleichermaßen aufgreift, ohne sich auf eine dieser Erscheinungsformen festlegen zu lassen.

Der Titel der Arbeit spielt dabei sowohl auf die Prozessualität dieser Werkentwicklung an, wie er andererseits die Frage nach Wahrnehmung und Bewertung unterschiedlicher Zeitlichkeiten in Bezug auf die Genesis einerseits und die Entstehungsbedingungen künstlerischer Arbeit andererseits stellt. Das in sich gewundene, gedrehte Werk, welches im oberen Bereich direkt an der Außenwand befestigt wird, ragt im Bereich ihrer Bodenbefestigung etwa fünf Meter in den Außenraum hinein, und ermöglicht so völlig unterschiedliche Perspektiven sowohl auf die Vorder- wie auf die Rückseite. Entsprechend sind die beiden Seiten der Arbeit malerisch unterschiedlich gefasst. Während die Rückseite der Arbeit eine helle, streifige und weitgehend homogener Malerei aufweist, entwickelt die Vorderseite einen illusionistischen Bildraum, der über die Ränder des Bildträgers hinausweist. Katharina Grosse vollzieht in dieser Arbeit einen weiteren Schritt, um die Malerei von der Raumhülle als ihrem plastischen Träger zu lösen, und in die mehrdimensionale und mehransichtige Dynamik eines Raumvolumens zu überführen, das keinen eindeutigen Betrachterstandpunkt mehr kennt.

Mit IN SEVEN DAYS TIME erhält das Kunstmuseum Bonn nicht nur eine visuell überwältigende Außenplastik, sondern eine zentrale Signatur, welche die innere Identität der Institution als Ort des vertieften Nachdenkens über die Aufgaben und Möglichkeiten heutiger Malerei kraftvoll nach außen artikuliert.

Der Erwerb von IN SEVEN DAYS TIME wurde wesentlich ermöglicht durch die großzügige finanzielle Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen und der August-Kaiser-Stiftung, Bonn. Für die fundierte Betreuung des Projektes danken wir der Galerie nächst St. Stephan / Rosemarie Schwarzwälder, Wien.

 

Text: Kunstmuseum Bonn | Foto: Kunstmuseum Bonn
Externer Link: Kunstmuseum Bonn

 

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