Von der Vorstellung zur Vollendung – Tony Cragg im Ludwig Museum im Deutschherrenhaus Koblenz

27.8. – 22.10.2017, Ludwig Museum Koblenz

Tony Cragg, Unschärferelation, 1991. Foto: Michael Richter.

 

von  Paula Wunderlich //

 
Zugegeben, Tony Cragg ist mit seinen Skulpturen sicher kein Unbekannter – weder in Deutschland noch im internationalen Raum, und doch überrascht die in Zusammenarbeit mit dem Künstler selbst konzipierte Ausstellung im Ludwig Museum im Deutschherrenhaus in Koblenz, denn neben zahlreichen klein- wie großformatigen skulpturalen Arbeiten werden auch bis dato noch nicht ausgestellte Zeichnungen und Aquarelle gezeigt. Eben diese Zusammenstellung aus Plastiken und Skulpturen, die aus diversen Materialien wie Edelstahl, Polyester, Marmor, Holz, Eisen oder Bronze gefertigt sind, und Arbeiten auf Papier eröffnen ein gänzlich neues Spannungsfeld. Indem dem Besucher Einblicke auch in weitere Phasen des Schaffens gewährt werden, erschließt sich die Potenz des skulpturalen Denkens des Künstlers auf eindringliche Weise: Der 1949 geborene Tony Cragg denkt bereits skulptural und zeichnet sodann auch skulptural. Die Arbeiten auf Papier sind ebenso wie seine plastischen Werke – gezeigt werden Exponate aus dem Entstehungszeitraum von 1979 bis 2014 – von einer stets schwingenden, allumfassenden Dynamik geprägt. Ob die grafischen Arbeiten Craggs nun als eigenständige Kunstwerke gesehen werden oder nicht, sei dahingestellt, in jedem Fall aber machen sie den Schaffensprozess des Künstlers visuell nachvollziehbar. Durch die Gegenüberstellung von Arbeiten skulpturaler Natur mit jenen von gezeichnetem Wesen wird das Publikum bereits in den Entstehungsprozess des Kunstwerkes, sei es zunächst auch nur durch einen verschärften Denkprozess, integriert. Eine Tendenz, die als Vorstufe partizipatorischer Ansätze des Publikums an der Konstruktion des Kunstwerkes deutbar ist. Klassische Kriterien der Skulptur, wie Volumen, Gewicht, Statik, Stabilität, Gravitation, Form und Raumwirkung, werden durch die Skulpturen flankierenden grafischen Arbeiten perspektivisch neu verortet. Da sich Signifikant und Signifikat – Studie respektive Zeichnung sowie Skulptur respektive Plastik –  zur selben Zeit am selben Ort befinden, ergibt sich eine ausgeprägte Evidenz. So werden auch Einblicke in die zeitlichen Dimensionen des Werkprozesses geliefert, die dem Betrachter sonst verborgen blieben. Dass der in Wuppertal lebende Künstler nicht nur selbst in der internationalen Oberliga spielt, sondern auch um den internationalen Dialog durchaus bemüht ist, beweist im Übrigen der in Privatinitiative 2008 eröffnete Skulpturenpark Waldfrieden.

Cragg, der als herausragende Künstlerpersönlichkeit unserer Zeit gelten darf, wurde bereits mit Ausstellungen von internationaler Strahlkraft, wie etwa 2000 im Pariser Centre Georges Pompidou, 2003 in seiner Geburtsstadt Liverpool in der Tate Gallery, 2003 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, 2011 im Musée du Louvre in Paris und jüngst im vergangenen Jahr in der Eremitage in St. Petersburg, beehrt. Das Ludwig Museum in Koblenz steht mit der aktuellen Schau Tony Cragg, Sculptures and Works on Paper den anderen Häusern jedoch in nichts nach.

Text aus der kunst:art 57

 

Tony Cragg – Sculptures and Works on Paper
27.8. – 22.10.2017, Ludwig Museum Koblenz
Danziger Freiheit 1, D-56068 Koblenz
Tel.: +49-261-304040
Di – Sa 10:30 – 17 Uhr, So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 5 €, erm. 3 €
www.ludwigmuseum.org

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