Marcia Hafif

15.9. – 12.11.17 | Kunsthaus Baselland

Zwei Ausstellungen, eine Künstlerin: Um der Ausnahmekünstlerin Marcia Hafif (*1929 Pomona, CA) mit ihrem seit bald 70 Jahren gewachsenen Werk gerecht zu werden, schien es sinnfällig, für die Schweiz eine Retrospektive zu konzipieren, die sich über zwei Institutionen erstreckt und das umfassende OEuvre in seiner Fülle und Vielgestaltigkeit optimal zu zeigen im Stande ist.

Schon in den 1970er Jahren gehörte Hafif zu den Künstlerinnen, deren Verständnis von Malerei früh auf die europäische Kunst einwirkte. 1961 bis 1969 malte sie in Rom, ihrer damaligen Wahlheimat, in der Tradition des amerikanischen Hard Edge Painting. Von Thomas Krens ins renommierte Williams College in Williamstown, MA, eingeladen, versammelte sie 1984 in der namengebenden Ausstellung Radical Painting solidarisch 12 Malerinnen und Maler mit ähnlichen konzeptuellen Ansätzen. ‹Radical Painting› steht für eine monochrome Malerei, die ohne jeden Abbildcharakter die reine Wirkung von Farbe auf einem Träger untersucht. Auch wenn Marcia Hafif den Begriff für ihr eigenes Schaffen nicht angewendet wissen möchte, geht er ursprünglich doch auf sie zurück.

Die seit den 1960er Jahren entstandenen eindrücklichen Werkserien erforschten die Möglichkeiten der Farbfeldmalerei grundlegend und erweiterten sie um immer neue Aspekte. Das Unerwartete zu tun war dabei gleichsam Hafifs Markenzeichen. An Extended Grey Scale (1973) mit 106 Gemälden gehört ebenso dazu wie die Serie der berühmten Black Paintings (1979/80) – ihre vielleicht radikalsten Arbeiten -, in denen sie ein tiefes Schwarz durch Überlagern von Ultramarinblau und gebranntem Umbra erzielte. Neuste Werkreihen der Shade Paintings (seit 2013) stehen neben den zweifarbigen, in empirischer Annäherung an den Goldenen Schnitt vertikal unterteilten TGGT (Tomatoes, Grapes and Green Tea; 2006) und der brillanten Farbtransparenz der Glaze Paintings (1995). In den 1970er Jahren begann Marcia Hafif ebenso, die Medien Film und Fotografie parallel zu ihrer Malerei zu nutzen und künstlerisch fortzuentwickeln, etwa in Fotoserien wie Pomona Houses (1971), Roman Sundays (1968) oder auch in Filmen wie Letters to J-C (Broadway) und Ideal Woman aus dem Jahr 1999. Der von ihr festgelegte Begriff „The Inventory“ umfasst ihre grosse Entdeckung der Wirkkraft von Farben, welche sie in Verläufen, Pinselduktus und Linienführung wie in der Entwicklung von Ideen in Serien und Bildfeldern und im Aufgreifen unterschiedlicher Gattungen, darunter Fotografie, Film und Text sowie Malerei und Zeichnung, umsetzte.

Es ist eine grosse Ehre und Freude zugleich, dass das Kunsthaus Baselland in Muttenz und das Kunstmuseum St.Gallen in enger Kooperation mit der Künstlerin zwei Ausstellungen realisieren dürfen, die sich zentralen Aspekten des Schaffens von Marcia Hafif aus je einer anderen Perspektive widmen. In vielen Gesprächen, aber auch Treffen mit der Künstlerin in New York und Laguna Beach konnten die beiden Ausstellungen mit ihrem jeweils spezifischen Fokus entwickelt und für die baulich signifikant verschiedenen Häuser konzipiert werden.

[…] Bereits in der thematischen Ausstellung Colour and Paint (1995/96) zeigte das Kunstmuseum – es waren Leihgaben aus St.Galler Privatbesitz – erstmals Gemälde von Marcia Hafif. Nach dem Erwerb des grossformatigen Werks aus der Serie Red Paintings: Paliogen Maroon, May 23, 1998, für die Sammlung, 2001, war ihr Schaffen dann mehrfach präsent in thematischen Präsentationen wie Künstlerräume / Sammlerräume (2001/2002) oder Elementare Malerei (2014). Eine Einzelausstellung von Marcia Hafif aber stand bislang noch aus. Nach anderen Retrospektiven, wie etwa jener des amerikanischen Künstlers Dan Flavin – ebenfalls eine zentrale Figur der 1960er und 1970er Jahre -, war der ideale Zeitpunkt für eine monografische Ausstellung ihres grundlegenden Schaffens gekommen.

Für das Kunsthaus Baselland ist die Präsentation dieser Pionierin des 21. Jahrhunderts etwas Besonderes. Als Ausstellungshalle legt das Haus den Fokus weniger auf die Arbeit mit einer eigenen Sammlung als vielmehr auf die Produktion von neuen Werken mit Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlicher Generationen.
Mit den Kunstschaffenden werden für den Ort entwickelte Werkpräsentationen in Verbindung mit der bestehenden Architektur realisiert, oder es wird – wie im Fall von Marcia Hafif – eine spezifische Konstellation für die Räume erarbeitet. Im Kunsthaus sind daher erstmals in diesem Umfang Gemälde von Marcia Hafif neben frühen Fotografien, Filmen und Texten zu sehen.

Es sind gerade die beiden ganz unterschiedlichen Ausstellungshäuser im Verbund mit der jeweiligen Werkauswahl, die den Reiz der übergreifenden grossen Einzelausstellung der amerikanischen Künstlerin ausmachen – das Kunstmuseum St.Gallen mit seinen klaren, sich aufreihenden Sälen in klassischen Proportionen und das Kunsthaus Baselland mit seiner industriellen, fast skulptural anmutenden Architektur, die damit über völlig andersartige Räumlichkeiten und Lichtverhältnisse verfügt. Die beiden Ausstellungen werden von der nun vorliegenden deutschen Version des Buches The Inventory: Painting begleitet. Die Publikation wurde von Marcia Hafif 2015 für ihre Werkpräsentation im Laguna Art Museum in Laguna Beach in Zusammenarbeit mit Malcolm Warner konzipiert und von der Grand Central Press der California State University, Fullerton, herausgegeben. Für uns eröffnete sich die wunderbare Möglichkeit, dieses wichtige Kompendium zu Marcia Hafifs Schaffen einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich zu machen und es zugleich um die zugehörigen Ausstellungsaufnahmen aus Laguna Beach, St.Gallen und Muttenz/Basel zu erweitern.

 

Text: Kunsthaus Baselland | Foto: Kunsthaus Baselland
Externer Link: Kunsthaus Baselland

 

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