Der Mann mit dem Vogel. – Billy Childish in der Villa Schöningen

bis zum 14.1.2018 | Villa Schöningen

Billy Childish, moonrise (version), 2017. Courtesy neugerriemschneider Berlin, Carl Freedman London, Lehmann Maupin New York. VG Bild-Kunst.

 

von Tamara Branovic //

 

Die Villa Schöningen richtet eine Einzelausstellung mit Malereien des britischen Musikers, Produzenten, Autors und bildenden Künstlers Billy Childish aus. Billy Childish – man with Jackdaw ist nicht nur Titel der Ausstellung, sondern vor allem das repräsentative Selbstporträt mit einer Dohle. Selbstsicher mit verschränkten Armen blickt das Multitalent in leicht arroganter Position zum Betrachter. Die Dohle auf seiner rechten Schulter begleitet seinen festen Blick mit ihrem blauen Auge, das eindringlich eine Verbindung beider, mehr noch mit ihrem Gegenüber zu vereinen versucht.

Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym Billy Childish? Wenn man nicht gerade in der Subkultur der Punk und Indie-Musikszene der 80er und 90er Jahre verankert ist, wird einem der Name, wenn überhaupt, erst seit den letzten Jahren verstärkt in der Kunstszene begegnen. Gern wird er als Vertreter des Nonkonformismus betrachtet und immer wieder wird auf seine Gegnerschaft zur konzeptuell ausgerichteten Kunst und zum Mainstream verwiesen. Fernab von der Polemik und dem Sich-abgrenzen-Wollen: Betrachtet man die Werke Childishs, bemerkt man ein generelles Lösen aus der Gegenwart. Vielleicht ist es zu weit gegriffen, wenn man behauptet, dass der Brite gern die Vergangenheit als Maskerade seiner künstlerischen und persönlichen Erscheinung nutzt. Eine eigene Richtung kann man ihm nur in einer dialektischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart zusprechen, aber genau genommen ist seine Präsenz ein repetitiver Akt, der sich als progressiv verkaufen lässt.

Mit Sicherheit ist seine werkimmanente Motivauswahl und Ausführung keine revolutionierende. Und auch scheint Childish in seiner künstlerischen Wirkungskraft der musikalischen Avantgarde der 70er und 80er Jahre hinterherzuhinken. Ob nun in die eine rebellierende oder in die sich anpassende Richtung – entscheidend bleibt der Impetus der Authentizität, und geht man nach der eigentlich wirksamen Herangehensweise auf die Essenz der Moderne und der darauffolgenden Kunstströmungen ein, dann ist es der Wiedererkennungswert des Künstlers und seiner Lebensart, die sich im Werk widerspiegelt. In der Tat lässt Billy Childishs Œuvre die Nähe und den Zugang zu seiner inneren Wahrnehmung, die von der Romantik einer anderen Welt beseelt ist, zu.

Kitschig? Natürlich nicht kitschig. Wer würde sich trauen, Van Gogh, Hodler oder Munch als kitschig zu bezeichnen – sich gegen das Regelwerk der Kunstgeschichte zu richten? Vielleicht ein Nonkonformist, aber nicht diejenigen, die der Geschichte und der Vergangenheit huldigen. In der stilistischen und sujetbezogenen Ausarbeitung ist die Nähe, gar der Abklatsch, zu groß, als dass man Childish dem Kitsch zuordnen würde. Formal sicher gibt er die ausdrucksstarke Linie eines impressionistischen Weltenbummlers und Naturliebhabers fast minuziös wieder. Die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten treibt ihn so weit, dass er sich auf dem Pfad seiner Idole wiederfindet und Bilder inszeniert, die Trauer und Nostalgie nicht lange suchen lassen. Der Brite ist auf seinen Reisen fündig geworden und lässt den aktuellen Betrachter seine Zeitodyssee ohne Verständigungsprobleme miterleben.

 

Billy Childish. Man with Jackdaw
bis zum 14.1.2018, Villa Schöningen
Berliner Str. 86, D-14467 Potsdam
Tel.: +49-331-2001741
Mi – So 12 – 18 Uhr, Do 12 – 20 Uhr
Eintritt: 5 €, erm. 3 €
www.villa-schoeningen.org

 

Text aus der kunst:art 58

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