Spuren an den Wänden. – Nadia Kaabi-Linke im Kunstmuseum Bonn

26.10.2017 – 28.1.2018 | Kunstmuseum Bonn

Nadia Kaabi-Linke, Parkverbot, 2010. Courtesy Samdani Art Foundation Dhaka (Bangladesh).

 

von Julius Tambornino //

 

Manchmal braucht es den gutachtenden Blick von Außenstehenden, um sich der Hintergründe der eigenen Probleme bewusst zu werden. Im großen Stil gilt das auch für die nationale Geschichtsbewältigung. Wenn man die russisch-tunesische Künstlerin Nadia Kaabi-Linke über ihre Arbeit sprechen hört, dann entsteht der Eindruck, als läge auch in dieser Tatsache begründet, dass gerade die deutsche Seele für sie ein unvergleichbar reiches Spielfeld darzustellen scheint. Der Umgang mit dem architektonischen Erbe (siehe Berliner Stadtschloss/Palast der Republik), die Liebe zur Bürokratie, der beißende Kontrast zwischen Willkommenskultur und Pegida-Aufmärschen in Dresden – es gibt so viele Ungereimtheiten in der Identität dieses Landes, die laut der Künstlerin auch als Symptome einer unterdrückten Verarbeitung, nicht nur der Schuld, sondern auch des eigenen Leids während des zweiten Weltkriegs zu deuten sind.

Stets stehen am Beginn der Arbeiten von Kaabi-Linke Spuren in irgendeiner Form. Dies können Spuren der Zeitgeschichte ebenso wie solche sein, die durch die Umwandlung oder gar Verdrängung von Geschichte in ein Stadtbild eingeschrieben wurden. „Ich habe einen forensischen Zugang bei meiner Arbeit“, beschreibt sie es selbst. Für das in Bonn ausgestellte Altarpiece (2015) druckte sie die Wandspuren an einem Berliner Gebäude ab, das eine besonders bewegte Transformationsgeschichte hinter sich hat: Weltkriegsbunker, Kriegsgefängnis der Roten Armee, Gemüselager in der DDR, Techno-Club und heute Herberge der Kunstsammlung Boros. Der Abdruck wird hinter vergoldeten Flügeltüren verschlossen und konserviert auf diese Weise den Moment genauso wie die Geschichte.
Kaabi-Linkes Werke sind extrem vielschichtig, je länger man mit ihr darüber spricht, umso höher stapeln sich die Bezüge. Ihre mit Taubenspikes gespickte Parkbank (Parkverbot, 2010) zum Beispiel bewegt sich gleichzeitig zwischen Fragen nach kultureller Konditionierung, den Nutzungsrechten im öffentlichen Raum und nach dem kolonialistischen Erbe der Bundesrepublik. Barbara Scheuermann, Kuratorin der Schau, betont richtigerweise trotz alldem die ästhetische Eigenständigkeit von Kaabi-Linkes Werken. Denn tatsächlich: Sie sind in formaler Hinsicht von bestechender Stringenz.

Sowohl der Kuratorin als auch der Künstlerin war es ein besonderes Anliegen, die ortsspezifische Arbeitsweise auch für die Stadt Bonn zu aktivieren, weshalb sich unter den sechs neuen Arbeiten von insgesamt 14 auch eine befindet, die eigens für die Ausstellung angefertigt wurde:Der Staub der alten Bonner Republik, buchstäblich ausgegraben im Keller des Arbeitsgerichts und ehemaligen Foltergefängnis der Gestapo, wird durch Projektion vergrößert und mit dem Graphitstift auf der Museumswand festgehalten. Hier wiederholt sich das Prinzip mythologischer Erzählungen, in dem (bezogen auf das Prinzip) das Kleine zum Großen stilisiert wird, bis niemand sich mehr der Wahrheitswerte gewiss sein kann. Kaabi-Linkes Kunst legt insgesamt einen zweiten Schluss nahe: Das gleiche Prinzip prägt letztlich auch unseren Blick auf die Zeitgeschichte.

 

Nadia Kaabi-Linke
Versiegelte Zeit
26.10.2017 – 28.1.2018, Kunstmuseum Bonn
Museumsmeile, Friedrich-Ebert-Allee 2, D-53113 Bonn
Tel.: +49-228-776260
Di – So 11 – 18 Uhr, Mi 11 – 21 Uhr
Eintritt: 7 €, erm. 3,50 €
www.kunstmuseum-bonn.de

 

Text aus der kunst:art 58

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