Artland Heartland | Thomas Hirschhorns nicht-exklusives Museum aus Präsenz und Produktion – Teil 2

Serie: Museum I

Thomas Hirschhorn «The Bijlmer Spinoza-Festival», 2009 (Spinoza-Theater). ‘Open Source’, commissioned by Streets of Sculptures, Amsterdam, 2009. Photo: Martijn van Nieuwenhuyzen. Courtesy: The artist.

 

Thomas Hirschhorn «The Bijlmer Spinoza-Festival», 2009. (Lectures/Seminars : Toni Negri). ‘Open Source’, commissioned by Streets of Sculptures, Amsterdam, 2009. Photo: Vittoria Martini. Courtesy: The artist.

Hirschhorn sieht seine Begriffe der „Präsenz und Produktion“ als „Richtlinien“ für das Museum der Zukunft an. Damit bezeichnet er eine bestimmte Art seiner Kunstwerke, die er gerne als „Ereignisse“ verstanden haben möchte. Sie sind, wie das Bijlmer Spinoza Festival, „Ereignisse“ außerhalb eines Museumraums, bei denen für einen abgesteckten Zeitraum eine (alternative) Institution entsteht, die er zusammen mit einem kunstfernen, lokalen Publikum errichtet und betreibt.

Der Amsterdamer Stadtteil Bijlmer bekam dieses Museum der Zukunft vom 2. Mai bis zum 28. Juni 2009 auf eine lokale Grünfläche gestellt. Möglicherweise sollte vielmehr von einem Entwicklungsstadium, einer Beta-Version, eines neuen Museums gesprochen werden. Bijlmer, ein südöstlicher Vorort von Amsterdam, ist in den 1960er Jahren als Projekt des sozialen Städtebaus entstanden und gilt als Stadtteil mit hoher Arbeitslosigkeit. Die Umgebung wurde von Hirschhorn bewusst gewählt und ähnelt seinen „Präsenz und Produktion“ Werken wie dem Bataille Monument 2002 in der Kassler Friedrich-Wöhler Siedlung und dem Gramsci Monument 2013 in den New Yorker Forest Houses in der Südbronx.

Thomas Hirschhorn «The Bijlmer Spinoza-Festival», 2009 (Child’s Play). ‘Open Source’, commissioned by Streets of Sculptures, Amsterdam, 2009. Photo: Vittoria Martini. Courtesy: The artist.

Die Verbindung zu dem niederländischen Philosophen des 17. Jahrhunderts, Baruch de Spinoza, könnte dadurch hergestellt werden, dass Spinoza ein berühmter Sohn der Stadt Amsterdam ist (andererseits ist Georges Bataille kein Sohn der Stadt Kassel). Hirschhorn verweist mehrfach auf die Bedeutung, die Spinoza auf die Entwicklung seines Denkens hat, und die Affektenlehre Spinozas lässt sich in den Begriffen „Präsenz und Produktion“ wiederfinden, wie sich später im Text noch zeigen wird.

„Präsenz“ ist dabei mindestens dreifach zu verstehen: So ist es zunächst die „Präsenz“ des Künstlers, mit der er in „Vorleistung“ geht und versucht, andere mit einzubeziehen. Seine „Präsenz“, womit auch gemeint ist, zu jeder Zeit Verantwortung für die Vorgänge im Museum der Zukunft zu übernehmen, ist von Nöten. Dementsprechend war Hirschhorn sowohl in der Zeit des einmonatigen Aufbaus des Spinoza Festivals, als auch der zweitmonatigen Laufzeit durchgehend vor Ort. Über seine „Präsenz“ soll auch die „Präsenz“ der Kunst gewährleistet werden. Diese muss sich in ihrem Kontext behaupten, wozu keine „ausgefallene, narzisstische und nutzlose“ Architektur gebraucht wird. Hirschhorn wirft den heutigen Museen vor, nicht mehr an die „Autonomie“ und „Universalität“ der Kunst zu glauben; zwei Forderungen, die mittels der mehrfach kodierten „Präsenz“ erreicht werden sollen. Und drittens ist die „Präsenz“ des „nicht-exklusiven Publikums“ unabdingbar. Wie bereits im ersten Teil ausgeführt, ist dies der Grund für Hirschhorns Ortswahl: einer kunstfernen Öffentlichkeit möchte er einen direkten Kontakt und eine nicht-vorherbestimmte Begegnung mit Kunst ermöglichen. Um diese „Präsenz“ gezielter zu erreichen, kommt zusätzlich zur Ortswahl noch die Wahl der Mitarbeiter: Das Team, welches zusammen mit Hirschhorn seine zuvor ausgearbeiteten Pläne umsetzt, besteht immer aus lokalen Helfern. Um für Akzeptanz seines Projekts in der Gemeinde zu sorgen, werden gleich Ortsansässige rekrutiert, wodurch deren „Präsenz“ bereits gesichert ist – so soll Misstrauen im „nicht-exklusiven Publikum“ überwunden werden. Laut Aussagen eines Mithelfers des Bijlmer Spinoza Festivals rangiert die Bezahlung zwischen symbolischer Summe und gerechter Entlohnung.

Thomas Hirschhorn «The Bijlmer Spinoza-Festival», 2009 (The Construction Team). ‘Open Source’, commissioned by Streets of Sculptures, Amsterdam, 2009. Photo: Anna Kowalska. Courtesy: The artist.

Auch das Diktum der „Produktion“ steht in einer mehrfachen Bedeutung. Zunächst ist da natürlich die „Produktion“ des Künstlers; von der Idee, über die Recherche, bis zum Anschub des Projektes, also dem Beginn der Umsetzung. Innerhalb der Umsetzung vervielfältigt sich dann bereits die „Produktion“ und nimmt eine vom Künstler nicht mehr gänzlich zu kontrollierende Entwicklung. Dennoch ist es für Hirschhorn wichtig, zu jeder Zeit in der vollen „Verantwortung“ zu stehen. Hier ist auch eine Verbindung zur Affektenlehre von Spinoza erkennbar, der in seinem Hauptwerk Ethik das Prinzip der adäquaten und inadäquaten Ursachen formulierte (ein gewaltiges Modell von Spinozas Buch Ethik krönt den provisorischen Pavillon in Bijlmer). Für Spinoza ist der Mensch dann „tätig“, wenn etwas geschieht, dessen adäquate Ursache er oder sie ist, dagegen „leiden“ wir, wenn wir nur eine Teilursache sind. Nach Hirschhorn muss sich jeder Künstler oder Künstlerin, und so auch er selbst, dieser „Verantwortung“ stellen – wenn nötig sogar als inadäquate Ursache, wobei das „Leiden“ ertragen werden muss. In diesem Zusammenhang ist auch die weitere „Produktion“ zu sehen. Zum einen als Co-Produktion bei der physischen Herstellung des Kunstwerks, zum anderen „Produktion“ durch Teilnahme des Publikums. Dabei wehrt sich Hirschhorn gegen das Wort der „Partizipation“, dies sei: „nur ein anderes Wort für Konsum!“. Die „Produktion“ des Publikums kann „Mitwirkung, Einbeziehung, Austausch, Dialog, Konfrontation, Kontakt“ bedeuten. All dies wirkt an der Bedeutung des Werks mit; im Museum der Zukunft hat jeder Besucher eine tragende Rolle. Zusätzlich ist mit „Produktion“ auch eine Weiterentwicklung gemeint, die aus dem Aufbau des Kunstwerks resultiert. Das Bijlmer Spinoza Festival wurde aus „16 Strängen“ konzipiert, darunter fallen neben dem Pavillon, der „Spinoza-Bar“ oder dem Internetcafé auch die täglich herausgegebene „Spinoza-Zeitung“, ebenso wie das Kindertheater immer um 16 Uhr sowie Lesungen und Vorträge. Die Konzeption des Kunstwerks ließ Claire Bishop von einer „kontinuierlich produzierenden Maschine“ sprechen.

Die Mehrdimensionalität der Begriffe „Präsenz und Produktion“ hat für Hirschhorn das Ziel, dem Museum der Zukunft das passende Rüstzeug an die Hand zu geben. Es geht für ihn um das „Ereignis“ einer „direkten Begegnung“ mit Kunst, Philosophie und Poesie, sodass es im Besucher zu einer „Transformation“ kommt. Diese „Transformation“ hat er selbst als Student bei der Betrachtung von Andy Warhols 129 Die in Jet! erfahren und es scheint, als versuche Hirschhorn diese Erfahrung mittels der „Präsenz und Produktion“ für jedermann zu ermöglichen. Für ihn besitzt nur Kunst die Kraft, niemanden auszuschließen. Um das volle Potential der Kunst jedoch verwirklichen zu können, muss die Institution Museum verändert werden. Hirschhorn versucht dies nicht durch kritische Reflexion innerhalb des Museums, wie in der Institutionskritik der späten 1960er Jahre üblich, sondern durch temporäre Gegenentwürfe. Diese sollen zum Museum der Zukunft hinführen, das 24/7 geöffnet hat und kein Sicherheitspersonal mehr braucht: „Stattdessen wird sich jeder, der im Museum der Zukunft arbeitet, als ‚erster Besucher’ betrachten, dessen Aufgabe es ist, die Transformation des Museums zu betreiben.“

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