Aus unbeschwerter Augenlust. – Gabriele Münter im Lenbachhaus Kunstbau München

31.10.2017 – 8.4.2018 | Städtische Galerie im Lenbachhaus

Gabriele Münter, Bildnis von Marianne von Werefkin, 1909. VG Bild-Kunst.

 

von Dr. Christine Breyhan //

 

1877 in Berlin geboren, starb Gabriele Münter 1962 in Murnau. Die großangelegte Ausstellung zeigt alle Facetten ihres vielseitigen, stilistisch breit gefächerten Werks. Sie beschränkt sich nicht auf Bilder aus der Zeit des Blauen Reiters. Um 1900 war Münter zum ersten Mal in den USA, wo sie zu fotografieren begann. Sie begeisterte sich auch für das neue Medium Film. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht aber das malerische Werk mit den Gattungen: Landschaft, Porträt, Interieur, Abstraktion. Ein Teil noch nie öffentlich präsentierter Werke stammt aus dem Nachlass der Künstlerin aus der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung.

Fotografien Münters werden durch eine Liste von Filmen, die sie gesehen hat, ergänzt. Münters fotografischer Blick beeinflusst ihre Malerei: das Ausschnitthafte, die Wiederholung eines Bildmotivs. Auch die Abkehr von realistischen Farben und Formen wird sicherlich durch die Erfindung der Fotografie beschleunigt. Nach der Auseinandersetzung mit Schwarz-Weiß- und Hell-Dunkel-Kontrasten beschäftigt sie sich 1902 in Kandinskys Malklasse intensiv mit der Farbe. Es entsteht das uns erste bekannte Gemälde „Bayerische Landschaft“. Modern wirkt ihr Ansatz, formale Elemente von Fotografie und Malerei zu verbinden: Wie eine Nahaufnahme wirkt das „Stillleben in der Trambahn (Nach dem Einkauf)“ um 1912.

1908 lassen sich Kandinsky und Münter in Murnau nieder. Die gemeinsamen Malwochen mit Marianne Werefkin und Alexej Jawlensky beeinflussen Münters Bildsprache. Die Formen werden vereinfacht, große farbenstarke Flächen flüssig mit dem Pinsel aufgetragen, häufig durch dunkle Umrisslinien betont. Neben Landschaften entstehen Porträts: Junges Mädchen, 1908. Insgesamt malt sie 250 Porträts. Darunter befinden sich 16 Selbstbildnisse. Das letzte aus dem Jahr 1952.

Ab 1910 liegt ein Schwerpunkt auf Stillleben und Genreszenen. Stilistisch erfahren Figur und Raum die gleiche malerische Behandlung. Über das Bild Mann im Sessel, 1913, das Paul Klee darstellt, schreibt Münter: Als er in meinem großen Nachdenksessel saß und sich mit Kandinsky unterhielt, sah ich plötzlich ihn im Zimmer und das Zimmer mit ihm ganz bildhaft. Wegen des Kriegsausbruchs 1914 muss Kandinsky Deutschland verlassen, 1916 treffen sie sich zum letzen Mal in Stockholm. Tendenzen der 20er Jahre und die Auseinandersetzung mit technischen Objekten prägen Münters Schaffensprozess: „Blauer Bagger“ (1935). Bis zuletzt beschäftigt sie sich – zeitweise intensiv – mit abstrakten Bildkompositionen: „Abstrakt (Mitte hellblau, oval)“ (1954).

Der Katalogtext räumt mit dem Mythos der intuitiv malenden Künstlerin auf. Münter selbst verweist auf den geistigen Prozess während des Malens. Prägende Inspirationsquellen für sie und die Künstler des Blauen Reiters sind antike Werke, Volkskunst, außereuropäische Arbeiten oder die Zeichnungen von Laien und Kindern. Der reich bebilderte Katalog belegt auch die Reisen der Künstlerin nach Holland, Tunesien, Frankreich, Italien und Skandinavien. Der Text stammt von Isabelle Jansen, die die Ausstellung mit Matthias Mühling kuratiert hat.

 

Gabriele Münter
31.10.2017 – 8.4.2018, Städtische Galerie im Lenbachhaus
Kunstbau, Luisenstr. 33, D-80333 München
Tel.: +49-89-23332000
Di 10 – 20 Uhr, Mi – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 10 €, erm. 5 €
www.lenbachhaus.de

 

 

Text aus der kunst:art 58

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