Gegen die Wut der Vernichtung. – Karl Schmidt-Rottluff im Kunstmuseum Ravensburg

4.11.2017 – 8.4.2018 | Kunstmuseum Ravensburg

 

von Dr. Milan Chlumsky //

 

Schwindelerregend waren die Schicksalsschläge, die den Maler Karl Schmidt-Rottluff mit dem Ziel trafen, sein Lebenswerk zu zerstören: 1933 – Ausschluss aus der Akademie der Künste, 1936 – Ausstellungsverbot, 1938 – Beschlagnahmung von 608 Werken aus deutschen Museen (25 davon wurden bei der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt), 1939 – einige seiner Werke wurden im Hof der Berliner Hauptfeuerwache verbrannt, 1941 – Ausschluss aus dem Berufsverband und Malverbot, 1942 – fand er Unterschlupf bei Helmuth James Graf von Moltke auf Schloss Kreisau, wo er weiterhin malte. 1945 wurden auch diese Arbeiten vernichtet. Am Ende des Krieges erfuhr er, dass seine Berliner Wohnung und sein Atelier ebenfalls zerstört waren. Da war er 61 Jahre alt und stand eigentlich wieder am Anfang. Schmidt-Rottluff blieb in der DDR, so geriet sein Werk in den Strudel der Auseinandersetzung um den sozialistischen Realismus. Bilder von ihm wurden kaum gekauft und Ausstellungen waren, obgleich er 1955 an der documenta 1 in Kassel beteiligt war und dadurch als Künstler vollkommen rehabilitiert, äußerst rar.

Etwa 300 seiner Kunstwerke vermachte er den Kunstsammlungen in Chemnitz, weitere 300 wurden vom Brücke-Museum in Berlin – auch die Gründung eines solchen Museums ging auf einen Vorschlag von Schmidt-Rottluff zurück – aufgenommen. Welch eine innere Kraft musste dieser Maler besitzen, um kurz nach dem Ende des Krieges zu schreiben: „Ich habe jetzt sehr den Druck, noch möglichst Starkes zu schaffen – der Krieg hat mir richtig alles Vergangene weggefegt -, alles kommt mir matt vor, und ich sehe die Dinge plötzlich in ihrer furchtbaren Gewalt. Ich habe nie die Kunst gemocht, die ein schöner Augenreiz war und sonst nichts, und doch merke ich elementar, dass man zu noch stärkeren Formen greifen muss, so stark, dass sie der Wucht eines solchen Völkerwahnsinns standhalten.“

Hier ist Schmidt-Rottluff ungerecht mit sich selbst. So sind beispielsweise während seiner Aufenthalte in Dangast und Varel zahlreiche, mit sehr leuchtenden Farben gemalte Werke entstanden, deren Farbigkeit ungewöhnliche Sichtweisen auf die dortige Landschaft bietet: Herbstlandschaften in leuchtenden Ocker-, Grün- und Gelbfarben, das typische rote Ziegelwerk der Häuser (etwa in „Gutshof in Dangast“ von 1910) langsam nach einem Regenguss im satten Rot trocknend. Das Blau der Pfützen ist dunkler als das des Himmels, das Gelb des Herrenhauses dominiert in der Bildmitte. Es handelt sich um die Gramberg’schen Häuser, im Besitz einer reichen Familie, die den Kurbetrieb damals bestimmte. Die in relativ dünnen fließenden Farben entworfene örtliche Topografie gibt genau wieder, was der Maler sah und empfand: In diesem ganzen Jahr 1910 glänzte Karl Schmidt-Rottluff mit einer dynamischen und rhythmisierenden Palette – ein Novum, das für die nächsten Jahre starke Akzente in seinem Werk setzen würde. Dass er nie ein liebliches Gemälde malte, ist eine der Konsequenzen seines Glaubens an die mögliche Veränderung des Menschen durch die Kunst. Auf jeden Fall hat dieser Glaube es ihm ermöglicht, alle Schicksalsschläge zu überwinden.

 

Karl Schmidt-Rottluff. Das Rauschen der Farben
4.11.2017 – 8.4.2018, Kunstmuseum Ravensburg
Burgstr. 9, D-88212 Ravensburg
Tel.: +49-751-82810
Di – So 11 – 18 Uhr, Do 11 – 19 Uh
Eintritt: 7 €, erm. 4 €
www.kunstmuseum-ravensburg.de

 

 

Text aus der kunst:art 58

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