Otto Modersohn – Märchen

26.05 - 29.07.2018 | Otto Modersohn Museum

Otto Modersohn, Die Märchenerzählerin, 1896

Fünf Jahre nach Otto Modersohns Beschluss in Worpswede zu bleiben und nicht an die Akademien nach Karlsruhe oder Düsseldorf zurückzukehren, bekamen die „Worpsweder“, wie die Maler, die sich am Weyerberg zusammengefunden hatten, nun genannt wurden, im Frühjahr 1895 die erste Gelegenheit zu einer gemeinsamen Ausstellung in der Bremer Kunsthalle. Bremer Kunstfreunde erwarben für die Kunsthalle die Bilder „Der Säugling“ von Mackensen und „Herbst im Moor“ von Otto Modersohn. Beide Bilder sind bis heute fester Bestandteil der Dauerpräsentation im Worpswedesaal der Kunsthalle.

Die Reaktion der Presse und des Bremer Kunstpublikums war eher verhalten bis kritisch. Zu ungeschönt, ungewohnt – vielleicht zu wahrhaftig – war ihnen die Natursicht dieser jungen Maler aus dem Teufelsmoor, deren Anliegen nicht die romantische Verklärung einer unwiederbringlich verloren gegangenen, unberührten Natur war. Was sie malten, war die durch Menschenhand gestaltete Kulturlandschaft des entwässerten Moores, des Torfabbaus und der in dieser Landschaft tätigen Menschen. Was uns heute manchmal als Idylle erscheint, wurde vor 123 Jahren als durchaus verstörende Wüstenei empfunden. Diese neue Sicht auf die Natur war (mit Ausnahme von Heinrich Vogeler) das Verbindende unter den Malern.

Die Suche nach Naturwahrheit und Einfachheit in allen Lebensbeziehungen – auch in der Kunst – zieht sich wie ein Leitmotiv durch alle Tagebuchaufzeichnungen Otto Modersohns. Letztlich war es die Suche nach Stille und Einfachheit, die Otto Modersohn, Fritz Mackensen und die anderen nach Worpswede zogen. Auch Otto Modersohn war ein – wie Rilke später in der Worpswede-Monographie schreibt Einsamer im Grunde, der, indem er sich der Natur zuwendet, das Ewige dem Vergänglichen, das im tiefsten Gesetzmäßige dem vorübergehend Begründeten vorzieht, und der seine Aufgabe darin sieht, die Natur zu erfassen, um sich selbst irgendwo in ihre großen Zusammenhänge einzufügen.

In Worpswede begegnete ihm eine Landschaft, die mit seinen damaligen Zielen im Einklang war. Ihre Weite und Stille, die Kargheit ihrer Struktur entsprach seiner Intention mit Wenigem viel zu sagen. „Bilder, die zur Stille führen, sind mir die liebsten. Sie haben für mich den höchsten ethischen Gewinn“ schrieb er in sein Tagebuch. Die Landschaft um Worpswede verkörperte jene Schlichtheit und Einfachheit, die seinen künstlerischen Vorstellungen gemäß war und dabei seiner Bemühung um Innerlichkeit nicht entgegen wirkte.

Erste Kompositionszeichnungen und Gemälde die inhaltlich über die reine Landschaftsdarstellung hinausgehen, finden sich bereits in der Mitte der 1890er Jahre in seinem Schaffen. „Hänsel und Gretel“, „Waldhexe“ und das Bild „Märchenerzählerin“ weisen auf einen Themenzusammenhang, den der Maler dann um 1900 wieder aufgreift und vertieft. Am Bild der „Märchenerzählerin“ lässt sich zudem erkennen, mit welchen malerischen und maltechnischen Probleme er sich nach dem für ihn so erfolgreichen Jahr 1895 auseinandersetzte:

Erst aufzeichnen und dünn, goldig braun (Luft nicht) untermalen (Tempera vielleicht), dann mit deckender Ölfarbe auf die Sachen losgehen, so fertig wie möglich. Alle Töne besonders dunkle Sachen heller malen, denn die Lasur soll die Sache erst vollenden. Dabei kratzen. So kann die Malerei wirklich delikat und köstlich werden. So werde ich in Zukunft malen. Große Wirkung aber mit reicher, delikater Technik. – Dann sagen mir nicht so kraftvolle Töne immer mehr zu, silbern, verschossen, blaß; – nicht so brüllend. Ich werde kleine Bilder wohl im Sommer draußen malen. Meine Phantasien – wie Träumerei, Märchenerzählerin, Hensel und Gretel -sagen mir sehr zu, überhaupt subjektive Kunst. Ich bin nie ein objektiver Naturalist. Ich kann es, aber es behagt mir nicht. Otto Modersohn, Tagebuch 1895-1897, Seite 54; 11. und 22.4. 1896

Modersohn könnte ohne ein dauerndes Leben in der Natur, mit deren Erscheinungen er ganz verwachsen ist, nicht existieren. Die Natur, der dieser Träumer mit einem beinahe wissenschaftlichen Interesse nachgeht, ist ihm die Mutter, die ihm alles gibt. Bezeichnend für ihn sind seine Sammlungen. In seinem Atelier stehen Vitrinen mit ausgestopften Vögeln, an der Wand hängen Kästen mit Schmetterlingen, Käfern und anderen Insekten, und um eins seiner Zimmer zieht sich ein Fries von getrockneten Blumen, Moosen und Gräsern unter Glas. Diesen Sammlungen gilt sein reges Interesse. In ihnen studiert er mit Vorliebe die Farben und Formen der Natur.

Die Märchenbilder von Otto Modersohn sind keine Illustrationen, sondern stellen eine eigene Auseinandersetzung mit dem Gelesenen, oder richtiger mit dem Gehörten dar.

Wenn wir das Märchen kennen, überprüfen wir am Bild gleichsam unsere eigene Vorstellung von dem schon einmal gehörten Märchen. Der Märchenhörer erfasst in bildhaftem Begreifen psychische Wirklichkeit. Märchen sind nicht in einem äußeren, aber in einem inneren Sinne wahr. Sie sind nicht realistisch, sie spiegeln nicht oder nur bedingt äußere Wirklichkeit, wohl aber innere. Wenn sie nicht Wirklichkeit geben, so geben so doch „Wahrheit“.

 

Quelle: Pressetext Otto-Modersohn-Museum

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