Neue . Skulptur . Weimar . 2018

ab 1. Juli 2018 | Biennale Weimar – Holzdorf

Thomas Röthel, "Balance", 2017, Stahl, 140 x 270 x 40 cm

Endlich zeigt in diesem Sommer die Biennale Neue . Skulptur . Weimar wieder Exponate in der Weimarer Innenstadt und im Park des Landgutes Holzdorf. Die Galerie Profil, das heißt ihre Galeristin Frau Elke Gatz-Hengst als Initiatorin und Kuratorin dieser Ausstellungsreihe, hilft in Zusammenarbeit mit der Diakonie Landgut Holzdorf gGmbH damit zum bereits dritten Mal, das geschichtsträchtige Anwesen am südlichen Stadtrand Weimars wieder mehr ins Bewußtsein der Bewohner und Besucher unserer Stadt zurück zu rufen. Unterstützt wird das Projekt von der Stadt Weimar und verschiedenen Sponsoren. Wo in Holzdorf in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts ein Skulpturengarten mit Werken so bedeutender Künstler wie Rodin und Maillol angelegt war, treten in der temporären Ausstellungsreihe „Neue . Skulptur . Weimar“ jeweils andere, zeitgenössische Plastiken auf den zum Teil noch original erhaltenen Sockeln mit ihren berühmten Vorbildern in einen imaginären Dialog.

In Fortsetzung der jährlichen Ausstellungsreihe „Skulptur . Weimar“, in der die Galerie Profil bereits seit 1999 Weimar und seine Gäste Jahr für Jahr mit interessanten einheimischen und auswärtigen Künstlern bekannt gemacht hat, sind ab 1. Juli 2018 im Stadtgebiet und im Landgut Skulpturen der beiden international renommierten Bildhauer Beate Debus und Thomas Röthel zu sehen. In Ergänzung zur Ausstellung im öffentlichen Raum zeigt die Galerie ab dem Vorabend in ihren eigenen Räumen in der Geleitstraße wie gewohnt Kleinplastiken und Papierarbeiten beider Künstler.

Mit Thomas Röthel konnte die Galerie Profil einen Metallbildhauer gewinnen, der in diesem Sommer zum ersten Mal in Weimar ausstellt. Seine meterhohen stehenden oder meterbreiten liegenden Stahlskulpturen sind nicht auf bestimmte Plätze bezogen oder für bestimmte Räume geschaffen, sondern entstehen als freie und absolute Formen in der Vorstellung des Künstlers. Die Monumentalplastiken werden durch Modelle im selben Material vorbereitet, etwa wenn in den „Drehungen“ (Theaterplatz und Goetheplatz) zwei Stahlquader über vier eingeschnittenen, wie aufgefaltet nebeneinanderliegenden Platten mit Hebelkraft gegeneinander verzogen werden. Die ganz genaue Gestalt des fertigen Kunstwerks läßt sich auch vom Künstler selber nicht im Detail vorausberechnen, da die verformbaren Teile nur indirekt bewegt werden. Ständig reagieren die glühenden Stahlstreben auf den Zug des oberen, kalten Quaders. Das Werden eines Werkes ist da eine Gratwanderung zwischen der demiurgisch ertrotzten Verformung des heißen, biegsamen Stahls und der Gefahr des Berstens bei fortgeschrittener Erkaltung: Biegen, nicht brechen – das ist die Kunst.

Das mythische Bezwingen der Naturgewalten ist, das wird dem Künstler immer wieder deutlich, dem Menschen nur durch die Unterordnung unter ebendiese Naturgewalten möglich. In fortwährender Beobachtung des Entstehungsprozesses, im Eins-Sein mit der Materie, mit dem Material, begleitet der Künstler die ‚Geburt‘ seines jüngsten Werkes und winkt den bis zu fünf Helfern ab, wenn die Hebelwirkung zur Ruhe kommen soll. Gigantische Kräfte haben dann auf das über Stunden in seinem Verformungsbezirk erhitzte Material eingewirkt. Soll eine solche Monumentalplastik entstehen, beginnt der Arbeitstag des Künstlers bei Sonnenaufgang mit acht Stunden Heizen am Steinkohleofen.
Die Archaik im Schaffensprozeß – die Zähmung der unbeugsamen Materie durch die zivilisatorisch so grundlegenden Mittel Feuer und Werkzeuggebrauch – diese Archaik gehört zu den Spezifika, die Thomas Röthel nun schon über zwei Jahrzehnte hinweg an seiner Arbeit zu fesseln und zu begeistern vermögen. Auch die archaische Anmutung des rasch sichtbar alternden Materials gehört zu den Dingen, die Thomas Röthel an seinem Werk faszinieren. So ist es letztlich die Erinnerungstiefe der Kunst, die Röthels Schaffen antreibt: die Tatsache, daß der Mensch Kunst macht, eben seit er Mensch ist. Die Wiederkehr künstlerischer Motive – bei Thomas Röthel beispielsweise ganz deutlich die immer wieder durchdeklinierte Verkantung, Verschiebung oder Spiegelung zweier gleicher Werkteile – macht uns anschaulich, was Fortschrittsglaube gern überspielt: „Es ist“, sagt Thomas Röthel, seit Tausenden von Jahren „der gleiche Mensch.“

Auch in der Arbeit der Holzbildhauerin Beate Debus spielt das In-Beziehung-Setzen zweier polarer Kräfte eine zentrale Rolle. Die lange Werkreihe der mit „Tanz“ überschriebenen Skulpturen (Goetheplatz, Schillerstraße und Holzdorfer Park) zeigt jeweils eine schwarz-weiße Doppelfigur, die uns je unterschiedliche basale Verhaltensmuster menschlicher Begegnung vor Augen führen. Dargestellt als Bewegung im Raum, als Durchdringung und raumgreifende Schrittfolge begegnen uns hier grundlegende Dispositionen der sozialen Interaktion: Festhalten und Fliehen, Haltsuchen und Stützen, Fallen und Auffangen, Beugen und Aufrichten, Schützen und Preisgeben, Standhalten und Nachgeben. Die beiden entgegengesetzten Pole des Beziehungspaares sind, obwohl die Skulpturen immer aus einem einzigen Baumstamm mit der Kettensäge herausgesägt werden, durch Abflämmen bzw. Einschlämmen der Skulpturenteile in ihrer Komplementarität farblich kenntlich gemacht: in schwarz und weiß, für den Außenraum als Metallarbeit dann in schwarz und bronzefarben. So werden die „Tänze“ als Bewegung zweier Körper lesbar, die zusammen- oder einander entgegenwirken, sich umschlingen oder aneinander vorbei existieren. In jedem Fall balancieren in diesen Skulpturen polare Kräfte einander aus.

Anders als, wie gerade beschrieben, bei Thomas Röthel, geschehen die Vorarbeiten bei Beate Debus nicht als kleinere Plastik, sondern als Graphiken und Prägedrucke auf Papier. Die Werke, die parallel zur „Neuen . Skulptur . Weimar“ in der Galerie Profil gezeigt werden, gehören im Fall von Beate Debus also weit enger zum gedanklichen Umfeld ihrer monumentalen Skulpturen im Stadtgebiet. Hier, in der Zweidimensionalität der räumlichen Zeichnung, wird vorgedacht, was dann als Skulptur entstehen kann.
Neben der Werkreihe der „Tänze“ und anderer aufrechter, schreitender, sich beugender, sich streckender Paarfiguren schuf und schafft Beate Debus auch eine ständig erweiterte Werkreihe zum Thema Kopf. Konzentrieren sich die Paarfiguren ganz auf die Gliedmaßen der interagierenden Körper, wird in der Reihe der „Köpfe“ (auf den Sockeln im Holzdorfer Park) dem Körperteil nachgespürt, welches Ursprung und Impulsgeber all der künstlerisch reflektierten Bewegungen ist. In rundgewölbten Stirnen, geöffneten Schädeln, vor allem aber in verschobenen, maskierten oder hervorgehobenen Augenpartien wird der Kopf ebenfalls als Raum und die psychische Erregung als Bewegung in diesem Raum und Movens jeder körperlichen Aktion deutlich gemacht. Die Dichotomien der sozialen Interaktion, das zeigt die Reihe der „Köpfe“, gründen in charakterlichen Eigenheiten und individuellen psychischen Vorgängen. Die widerstreitenden Kräfte, die die Paarfiguren vorführen, können zudem auch in einem einzigen Menschen gegeneinander arbeiten und das Leben zum Drama machen. In der Überzeichnung mimischer Vorgänge schaffen die „Köpfe“ den Spagat zwischen höchst individueller Form und überindividueller, typisierender Gestaltung.

Dr. Cornelie Becker-Lamers, Weimar
Pressetext der Biennale Neue . Skulptur . Weimar

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