Maria Lassnig: Im Gespräch mit sich selbst

Kunstmuseum St.Gallen | Kunstmuseum Basel

Maria Lassnig, Ohne Titel (Selbstportrait), 1942 (© Maria Lassnig Stiftung)

von Bence Fritzsche //

Vier Jahre nach ihrem Tod widmet das Kunstmuseum Basel der Grande Dame Maria Lassnig (1919–2014) eine Retrospektive der Werke auf Papier und führt rund 80 der eindrücklichsten Zeichnungen und Aquarelle der Künstlerin zusammen. Interessant erscheint, dass bislang einige völlig unbekannte Blätter sich nun in der Schau als Schlüsselwerke Lassnigs zeigen und so auch ein neues Licht auf ihr Thema der Körperbetrachtung werfen, neue Einblicke in das umfangreiche Werk der österreichischen Künstlerin zulassen.

Maria Lassnig galt zu Lebzeiten und auch danach als größte Malerin Österreichs und eine der größten ganz Europas. Sie galt auch als Pendant zu Louise Bourgeois: eben eine eigenständige, eigenwillige Künstlerin, die auf eine jahrzehntelange Karriere zurückblicken konnte und trotzdem erst jenseits der 60 in ihrer Bedeutung erkannt wurde.

Im Kärntner Dorf Kappel im Krappfeld 1919 geboren, ging Maria Lassnig, kaum erwachsen, daran, das Provinzielle hinter sich zu lassen und mitten im Krieg nach Wien zu ziehen, um einen Platz in der Meisterklasse von Wilhelm Dachauer zu ergattern, der sie schließlich hinauswarf, weil er ihre postkubistischen Malversuche dem Zeitgeist der Nazis entsprechend als „entartet“ empfand. Nach dem Ende des Nationalsozialismus dann doch Studienabschluss bei Ferdinand Andri und Herbert Boeckl. Was folgte, war ein Arbeitsaufenthalt in Paris, dem Mekka der damaligen modernen Kunst, Bekanntschaften mit Paul Celan und André Breton und dann, als die französische Hauptstadt im Kunstbereich von New York abgelöst wurde, 1968 der Sprung über den Atlantik. 1980 kehrte sie zurück nach Österreich und nahm eine Professur an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien an, die die damals bereits über 60-Jährige viele Jahre lang bekleidete.

Während all dieser „Lehr- und Wanderjahre“ drehte sich ihre Arbeit um das Zentrum ihrer Körperbewusstseinsbilder, die später auch ihren Ruhm begründen sollten. Was sie darstellte, war eine schonungslose Selbstbeobachtung, von der Jugend bis ins Alter, ohne Rücksicht auf Schönheit oder Verfall. Unbenommen bleiben in diesem Bereich ihre Erfindungen wie Krebsangstfarben, Schmerzfarben, Druckfarben, Spannungsfarben, Dehnungsfarben, Kälte- und Wärmefarben.

Diese Zwiesprache mit Innen und Außen, mit Gefühlswelten und Realitäten, entwickelte Lassnig besonders eindrucksvoll auf dem Papier. Trotz aller Intimität des Zeichnerischen tendiert die Künstlerin dazu, Werke auf Papier in monumentalen und bildgleichen Kompositionen anzulegen. Längst ist die Idee der Skizze und des ersten Entwurfs bei Lassnig gesprengt und in eine autonome künstlerische Aussage auf Papier verwandelt. Schließlich geht auch ihre Malerei in der Intensität der Zeichnung, der Energie der einzelnen Linie wie auch der Strahlkraft der Aquarelle sicht- und spürbar weiter.

Der Ruhm kam spät, war dann aber umso eindrucksvoller. Maria Lassnig hat noch erleben dürfen, wie ihr Werk bei der Biennale in Venedig, im New Yorker MoMA, zuvor schon mehrmals bei der Documenta gefeiert wurde. Parallel zur Schau im Kunstmuseum Basel zeigt das Kunstmuseum St. Gallen eine Ausstellung, die einen konzentrierten Einblick in die Entwicklung des malerischen Schaffens von Maria Lassnig mit Beispielen aus allen Entwicklungsphasen umfasst.

 

Maria Lassnig. Be-Ziehungen
5.5. – 23.9.2018
Kunstmuseum St.Gallen
Museumstr. 32
CH-9000 St.Gallen
Tel.: +41-71-2420671
Di – So 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr
Eintritt: 12 CHF, erm. 6 – 10 CHF
www.kunstmuseumsg.ch

 

Maria Lassnig. Zwiegespräche
12.5. – 26.8.2018
Kunstmuseum Basel
St. Alban-Graben 8
CH-4010 Basel
Tel.: +41-61-2066262
Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr
Eintritt: 16 CHF, erm. 8 CHF
www.kunstmuseumbasel.ch

 

Erstveröffentlichung in kunst:art 61.