Bleichgesichter

28.4. – 5.8.2018 | Skulpturenpark Waldfrieden

Markus Lüpertz, Hölderlin, 2012 (Foto Michael Richter)

von Julius Tambornino //

Inmitten der alten Buchen und Kastanien des Skulpturenparks Waldfrieden steht seit Jahren Markus Lüpertz´ monumentale Bronzeskulptur des Paris ohne Arme (2000). Und dem Kontrast der Materialien – Bronze gegen Holz – trotzend gibt es letztlich wenige Dauerausstellungsstücke, die sich so nahtlos in den Reigen der emporsteigenden Baumriesen einfügen und somit das übergreifende Konzept des Parks, eine Einbindung der Kunst- in die Naturerfahrung, aufgreifen.

Lüpertz, vielen in erster Linie ob seines exzentrischen Auftritts und des eigenständig liebevoll eingerichteten und gepflegten Geniekults um sich selbst bekannt, entwickelt vor allem in seinem bildhauerischen Werk eine besonders archaische Kraft, die ihn auf einer tiefen Ebene mit allem Natürlichen verbindet. Die groben Oberflächen, die expressive Formgebung, der impulsive Umgang mit Farbe, alles zusammen subsumiert sich trotz der reichlichen Fülle an Individualismus in seinen Figuren zu einer unverwechselbaren Stilfolie.

Dabei ist es eben gerade jene Expressivität, die auf einen ersten Blick oft vergessen lässt, dass seine bekanntesten Skulpturen in der Regel in Bronze ausgeführt sind – in Maßstäben des Materials also keineswegs buchstäblich unbeschwert, sondern ganz und gar systematisch und für die Ewigkeit gemacht. Auch deshalb ist die Idee für die kommende Sonderschau im Wuppertaler Christbusch, den Lüpertz´ Bildhauerkollege Tony Cragg 2007 zum Kunst-Ort umkonzipierte, besonders bemerkenswert: Zum ersten Mal zeigt der Künstler ausschließlich Gipsfiguren. Manche von ihnen erblickten einst als Vorstufe zur späteren Bronzefassung das Licht der Welt. An ihrer Oberfläche zeigt sich jedoch: Lüpertz gab auch ihnen Farbe, behandelte sie als eigenständige Werke. Der besondere Reiz dieser Arbeiten liegt aber in einer Verlagerung des historischen Horizontes, die mit dem Material einhergeht: Sicher, auch hier geht es um historisch-mythologische Motive, um ein Netz aus Zitaten aus den Sternstunden insbesondere der europäischen Geistesgeschichte. Die Schwere und Ernsthaftigkeit der Lüpertzschen Mythologie aber, mitverantwortet von der Technik des Bronzegusses, mit der er den Bogen unweigerlich über die gesamte abendländische Kulturgeschichte spannt, verflüchtigt sich im Gips und öffnet den unverstellten Blick auf die Form und Farbe. So rückt anstelle des kulturellen Horizonts jene Spontaneität ins Zentrum, die seine Arbeit zur Verbündeten der Natur macht und die sich auch im bislang unveröffentlichten titelgebenden Gedicht vom Tod als bleichem Freier widerspiegelt.

Überhaupt ist die Gelegenheit, Neues von Lüpertz in einer solchen Dichte zu sehen, außergewöhnlich – Gips hin oder her: Zwölf kleinere Arbeiten werden im mittleren, dienstältesten Pavillon ausgestellt. Manche der gezeigten Arbeiten wurden von Lüpertz eigens für die Ausstellung vollendet. Im neuen, elliptischen Ausstellungsraum zeigt sich dann die volle Wucht: Flankiert von sechs monumentalen Plastiken residiert hier die Sitzfigur der Flora und wacht über die Vegetation des Waldfriedens.

Markus Lüpertz – Der Tod, der bleiche Freier
28.4. – 5.8.2018
Skulpturenpark Waldfrieden
Hirschstr. 12
D-42285 Wuppertal
Tel.: +49-202-47898120
Di – So 10 – 19 Uhr
Eintritt: 12 €, erm. 9 €
www.skulpturenpark-waldfrieden.de

 

Erstveröffentlichung in kunst:art 61.