Natur und Struktur

Schloss Gottorf | 14.12.2018 – 24.3.2019

Per Kirkeby, Zwei Arme I, 1983 (© Per Kirkeby Courtesy Galerie Michael Werner, Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York)

Per Kirkeby in Schloss Gottorf

Es hätte eine prächtige Feier zum 80. Geburtstag werden sollen, doch unversehens wurde ein Nachruf daraus: Mitten in die Vorbereitungen zur großen Schau im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf platzte die Nachricht vom überraschenden Tod des Künstlers Per Kirkeby am 9. Mai 2018. Sein weltweit bekannter Name stand für eine der prägnantesten Positionen der zeitgenössischen Kunst Skandinaviens, die sich in Schleswig nun noch einmal an einem ihrer Wendepunkte erleben lässt.

Ein Maler, ein Bildhauer, ein Architekt, ein Dichter, ein Filmemacher: Dies alles und noch mehr war der 1938 in Kopenhagen geborene Kirkeby. Das hätte zu Beginn seines Studiums wohl keiner erwartet, denn der junge Mann schrieb sich zunächst einmal ein an der Universität seiner Heimatstadt in Geologie. Die Fachwahl war offenbar alles andere als eine Laune, denn der zukünftige Künstler hielt durch bis zur Promotion. Nach der Teilnahme an mehreren geologischen Expeditionen nach Grönland gab es einen radikalen Schnitt, der jedoch, und das ist ganz typisch für Kirkeby, eigentlich gar kein Bruch, sondern eine Verwandlung war. Im Rahmen einer avantgardistischen Künstlergruppe beschäftigte sich der Ex-Geologe nun mit Experimentalfilmen und Installationen, denen zeittypische Happenings folgten. Dann kam die Malerei. Dass ein Geologe ein Auge für Natur hat und entsprechend  die Landschaft zu seinem Thema macht, das war wohl wenig überraschend. Ganz anders aber der Rückgriff auf die informelle Kunst aus den 1950ern, der damals in den 70ern nicht unbedingt nahe lag. Beides brachte der Künstler wohl zusammen, weil sein Blick auf die Natur weniger auf Oberflächenphänomene wie etwa Vegetation und Atmosphäre gerichtet war, sondern eher in die strukturellen Schichten – geologisch gesprochen: Strati – einer Landschaft ging. Die sind Ausdruck enormer erdgeschichtlicher Energien, wie eben auch in der informellen Malweise die Energie des schöpferischen Prozesses als Spur erhalten bleibt: Risse und Verwerfungen allenthalben, aber nicht minder langsame Wandlungen. Landschaft wie Bild lassen sich so von einem sensibilisierten Betrachter lesen.

Seit den 1980er Jahren entstand ein reiches Werk, das das an der Schlei gelegene Landesmuseum nun noch einmal präsentiert. Die in Kooperation mit der Vertretung des Künstlers, der Galerie Michael Werner, entwickelte Schau versammelt neben ausgewählten Bronzen und Masonit-Tafeln vor allem Gouachen und großformatige Zeichnungen. Die nachgerade seismische Qualität, die dem zeichnerischen Schaffen zu eigen sein kann, und die intellektuelle Durchdringung kamen hier zusammen. Kirkeby bezog sich dabei gern auf eine Äußerung des von ihm geschätzten Paul Klee, der einmal für sich beanspruchte, neben und in der Künstlereigenschaft auch „Dichter, Naturforscher, Philosoph“ zu sein. Landschaft war für den Dänen kein „Idyllen-Genre“, wie er spöttisch formulierte, vielmehr „ein Raum, eine Struktur“, die es bildnerisch zu durchdringen gälte.

Per Kirkeby. Aus der Natur
14.12.2018 – 24.3.2019
Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf
Schlossinsel 1
D-24837 Schleswig
Tel.: +49-4621-813222
Di – Fr 10 – 17 Uhr, Sa + So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 9 €, erm. 6 €
www.landesmuseen.sh

Text: Dieter Begemann | Erstveröffentlichung kunst:art 64
Bild: Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf

Über Dieter Begemann 68 Artikel
Begemanns Blog: Sternschnuppen An dieser Stelle soll es um ästhetische Sternschnuppen gehen und, wie es die Schnuppen so machen, sollen sie hin und her zischen auf manchmal verblüffenden Kursen – kreuz und quer! Ich konnte (und musste zum Glück mich auch nie) entscheiden zwischen praktisch-bildkünstlerischen und theoretischen Interessen: Ich liebe Malerei und Bildhauerei, begeistere mich für Literatur, bin ein Liebhaber von Baukunst und Design –aber meine absolute Leidenschaft gehört der Gestaltung von Gärten und Autos. Und, eh ich’s vergesse: natürlich dem Film!!