Julian Charrière und Julius von Bismarck im Kunstpalais Erlangen

Julian Charrière und Julius von Bismarck, "Kunst (Moos)", 2013

Pioniere künstlerischer Vermessung

Schon die großen Expeditionen legendärer Pioniere und Abenteurer dieser Erde wären kaum möglich gewesen ohne das Quentchen egozentrischer Vermessenheit, das als innerer Antrieb die Vorhaben erst zu Ende brachte. Ob James Cook, Roald Amundsen, Marco Polo oder Vasco da Gama – sie alle eint eine Art Besessenheit, ihrer eigenen Vorstellung von der Welt auf den Grund zu gehen. Ihre großen Entdeckungen sind Geschichte, sie liegen hinter uns. Wo sind also die neuen Ufer, zu denen heutige Besessene aufbrechen? Eine künstlerische Antwort darauf hält das Kunstpalais in der Stadt Erlangen mit einer besonderen Ausstellung parat.

Die Künstler Julian Charrière und Julius von Bismarck sind nicht nur beste Freunde, sondern vermessen jeder auf seine eigene künstlerische Weise diese Welt. Denn ähnlich den Pionieren vergangener Zeiten wollen auch sie ihren eigenen Vorstellungswelten auf den Grund gehen und bereisen dafür unwirtliche Orte. Von Berlin aus, ihrem Heimathafen der Wahl, in dem sie sich nicht nur ein Atelier teilen, sondern auch ihre gemeinsame Studienzeit bei Olafur Eliasson an der Universität der Künste verbrachten, setzen sie die Segel. Den gebürtigen Schweizer Julian Charrière, Jahrgang 1987, zog es dabei unter anderem in die bolivianische Salzwüste Salar de Uyuni, von wo er Sedimente nach Venedig zur Biennale 2017 verbrachte, um diesen Rohstoff als Salzsäulen-Wüste dort wieder auferstehen zu lassen. Diese „Future Fossile Spaces“ funktionierten zugleich als vorweggenommene Ausgrabungsstätte der in der Salzwüste vorkommenden seltenen Lithium-Vorkommen, die zu den wertvollsten Rohstoffen des digitalen Zeitalters gehören.

Julius von Bismarck wiederum, Jahrgang 1983, ist fasziniert von physikalischen Prozessen und ihrer Übersetzung in ein künstlerisches Werk, das Themen gesellschaftlicher Verantwortung aufgreift. So etwa in der Videoarbeit „Irma To Come in Earnest“, für die er dem gleichnamigen Hurrikan in Florida nachjagte und mit einem schweren Jeep für wenige Minuten in das Innere des Wirbelsturms vordrang. Die mit brachialer Gewalt heimgesuchte Natur bekommt jedoch in seinem 40-minütigen Schwarz-Weiß-Slow-Motion-Film plötzlich eine Ästhetik, die der Anmut einer Tänzerin gleicht. So verstörend schön ist der Klimawandel realiter kaum wahrzunehmen.

Klimawandel, globale Wirtschaft, politische Übermacht – die Sichtbarmachung dieser gesellschaftlichen Themen funktioniert bei beiden Künstlern dadurch, dass sie sich an extreme Orte wie etwa radioaktive Sperrgebiete begeben oder in einem experimentellen Ansatz wissenschaftliche Messungen zur Grundlage ihrer Kunst machen. Obwohl beide künstlerischen Positionen getrennt zu betrachten sind, zeigt das Kunstpalais erstmals auch eine gemeinsame Arbeit der beiden, die anlässlich der ersten gemeinsamen Ausstellung entsteht. So fordern uns beide Künstler denn auf, unseren eigenen Sichtweisen einmal auf den Grund zu gehen – und gemäß dem Ausstellungstitel „I’m afraid I must ask you to leave“ auszuschwärmen.

Die Journalistin Karolina Wrobel ist sowohl in der Hochkultur, als auch in der Berliner Lokalszene zu Hause.

Julian Charrière und Julius von Bismarck. I´m afraid I must ask you to leave
2.12.2018 – 24.2.2019
Kunstpalais Stadt Erlangen
Palais Stutterheim
Marktplatz 1
D-91054 Erlangen
Tel.: +49-9131-862735
Di – So 10 – 18 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr
Eintritt: 4 €, erm. 2 €
www.kunstpalais.de

Text: Karolina Wrobel | Erstveröffentlichung kunst:art 64
Bild: Kunstpalais Stadt Erlangen