Mehr als nur groß

26.01. - 28.04.2019 | Aargauer Kunsthaus

Dieses Jahr wird es ganz riesig „Big“ im Aargauer Kunsthaus, denn die Sonderausstellung „Big Picture – Das große Format“, die sich aus Werken aus der Sammlung des Aargauer Kunsthauses zusammensetzt und um einige weitere Leihgaben ergänzt wird, zeigt bis in den April hinein riesige Leinwände, raumfüllende Installationen und überdurchschnittlich große Zeichnungen.

Großformatige Arbeiten sind in der Gegenwartskunst inzwischen allgegenwärtig. Zwar überfordern sie mit ihrem Format oft die Möglichkeiten von Galerien oder Museen, sie gehören aber für sehr viele Künstlerinnen und Künstler fast schon zum „guten Ton“. So lockt der bald 80-jährige Schweizer Markus Raetz den Besucher in seine begehbare Installation „Chambre de lecture“ (2013–2015), überzeugt ihn, dort innezuhalten und seine Wahrnehmung zu schärfen. 432 Profile menschlicher Gesichter, je aus einem Stück Draht geformt, hängen an unsichtbaren Fäden an den Wänden eines ‚Raumes im Raum‘. Der leichteste Windhauch einer vorbeilaufenden Person reicht bereits aus, um die filigranen Profile in Bewegung zu setzen und dabei ihre Konturen für einen Augenblick neu zu modellieren. Eine aerokinetische Arbeit, im Gegensatz zu den elektrokinetischen Arbeiten der Zero-Gruppe, wie von Heinz Mack oder Günther Uecker.

„Big picture“ bedeutet aber nicht nur „großes Bild“ oder XXL-Kunst, sondern wird im Englischen genauso als Synonym für „das große Ganze“ im Sinne eines Überblicks verwendet. Dementsprechend sind auch Kunstwerke, die unabhängig von ihrer Dimension ein Gesamtbild wiedergeben, ein wesentlicher Teil dieser Schau. Exemplarisch für die Vorgehensweise der Zusammenfassung eines Œuvres ist das Werk „Le Musée de Ben“ (1972) von Ben Vautier. Der Künstler wählte eine Anzahl eigener künstlerischer Arbeiten aus, reproduzierte diese in verkleinerter Form und präsentiert sie in einem kleinen Holzkasten. Mit diesem Museum en miniature bietet er den Betrachtern im Kleinen eine Übersicht seines gesamten künstlerischen Werks. Zugleich ist die Arbeit Vautiers ein Verweis auf das tragbare Koffermuseum La-Boîte-en-valise (1968) von Marcel Duchamp, das 80 verkleinerte Repliken und Reproduktionen der Werke Duchamps enthält.

Eine ähnliche Verdichtung findet man in der Arbeit „Tiroir“ (2018) von Augustin Rebetez, dem jüngsten Teilnehmer der Ausstellung. Im Industrieschrank mit 80 Schubladen (franz. = tiroirs) befinden sich Figuren, verzierte Steinmesser, Tierschädel, Knochenschmuck und andere Gegenstände. Diese Objekte wecken die Erinnerung an Rituale von Urvölkern. Sie können vom Publikum anders verteilt und neu arrangiert oder deplatziert werden, so dass die Auswahl und die Präsentation der Gegenstände nicht mehr beim Künstler, sondern bei den Rezipienten liegt.

Ebenso gewichtig wie die dreidimensionalen Arbeiten sind die Künstlerpositionen der zweidimensionalen Werke in dieser Ausstellung. Beispielhaft dafür sei Pascal Danz erwähnt, dessen vier Meter langer „Wald“ (2015) nicht die Abbildung des Sichtbaren allein präsentiert, da er in seinen Bildern versuchte, immer auch zu fassen, was an Stimmung in ihnen mitschwingt und fühlbar wird. Er selbst bezeichnete seine Arbeiten als „Gedankengebäude“, ein Ausdruck, der den Anspruch, über das rein Visuelle hinauszugehen, betont. Pascal Danz ist vor drei Jahren bei einer einer Hiking-Tour in Island 54-jährig zu Tode gestürzt.

Bence Fritzsche ist Chefredakteur von atelier. Der Zeitschrift für Künstlerinnen und Künstler.

Big Picture. Das grosse Format
26.1. – 28.4.2019
Aargauer Kunsthaus
Aargauerplatz
CH-5001 Aarau
Tel.: +41-62-8352330
Di – So 10 – 17 Uhr, Do 10 – 20 Uhr
Eintritt: 20 CHF, erm. 15 CHF
www.aargauerkunsthaus.ch

Autor: Bence Fritzsche, Bild: Aargauer Kunsthaus
Erstveröffentlichung in kunst:art 65