Die Psychologie des Sammelns

14.9. – 24.11.2019 | Kunstmuseum Villa Zanders

Michael Buthe, Porträt Provett, 1991

„Kunst ist immer eine Behauptung“ – diese These steht nicht nur im Titel der Ausstellung, die sich im Kunstmuseum Villa Zanders dem Publikum präsentiert; sie formt auch den Kern des dort gezeigten Kunstbegriffs, den das Sammlerehepaar Hartmut und Maria Kraft seit Jahrzehnten für sich definiert, entlang seiner bereits 50-jährigen Sammlungsgeschichte. Einen roten Faden in dieser Historie mag die Psychodynamik bildnerischer Prozesse darstellen, denn beide sind Fachärzte für Psychotherapeutische Medizin und haben Kunst seit jeher auch unter diesem Aspekt untersucht. Darüber hinaus beschreibt Hartmut Kraft aber: „Es gibt keinen ‚roten Faden’ in unserer Sammlung, sondern (…) viele rote Fäden, die sich überlagern, sich verknüpfen und ein Geflecht oder Netz bilden.“

Ähnlich eng verwoben sind die Ebenen des Ausstellungskonzepts: Die museale Präsentation der eigenen Sammlung ist kuratiert von Hartmut Kraft und aus seiner Feder stammt auch das 300 Seiten starke Begleitbuch. So führen Publikation und einleitende Wandtexte die Besucher durch die Ausstellung und in die Tiefen der Sammlung. Dabei folgt die Werkanordnung den Räumlichkeiten der Villa Zanders, auf einer Etage zeigt der Bereich „Public Collection“ jene Arbeiten, die bereits Teil der insgesamt rund 50 Ausstellungen der Sammlung Kraft waren, und der Abschnitt „Private Collection“ konzentriert sich auf jene Werke, die bisher noch nie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Gemäß der insgesamt 16 Räume der beiden oberen Etagen öffnen sich 16 Themenfelder: Sie sind sowohl aus Motivgruppen kondensiert als auch aus Kunstströmungen. Hier begegnet die ZERO Gruppe dem Informel, der Outsider Art und der Art Brut ebenso wie ethnologischen Artefakten. Arbeiten von unter anderem Joseph Beuys, Rupprecht Geiger, Peter Gilles, Bernard Schultze, Herbert Zangs treten in Dialog mit „Grenzgängern zwischen Kunst und Psychiatrie“ wie Friedrich Schröder-Sonnenstern, Gustav Mesmer oder Karl Junker. Auch in den motivischen Verdichtungen lassen sich vielfach Elemente der Psychologie finden, beispielsweise spiegelt das akribische sammlerische Vorgehen Krafts anschaulich der Motivkomplex sogenannter Kopffüßler wider: frühkindliche Menschendarstellungen, die in einem zentralen Rund Kopf und Leib des Menschen zugleich darstellen und daran direkt die Beine anschließen. Neben Zeichnungen von psychiatrischen und neurologischen Patienten ergänzte der Sammler auch Designobjekte, Ritualgegenstände und Kunstwerke aus fünf Jahrhunderten mit jener Ikonografie. So stellt die Kollektion immer wieder ungewöhnliche Bezüge zwischen Kulturen, Disziplinen und Epochen auf Augenhöhe her.

Zugleich findet solch systematisches Vorgehen innerhalb der Sammlung Kraft immer wieder sein spontanes, leidenschaftliches Gegenstück – von den frühen, intuitiven Ankäufen bis heute kommentiert Kraft: „Sammeln ist gelebte Begeisterung. Wenn nicht, handelt es sich lediglich um eine Geldanlagestrategie.“ In diesem Spannungsfeld von Ratio und Emotion mutet die Jubiläumsausstellung an wie eine psychologische Selbstbefragung mit Mitteln der Kunst. Werk, Künstler und Sammler stehen in jenem engen Kontext, den das Ehepaar Kraft als Essenz ihrer Privatsammlung sieht, denn „jede Sammlung ist ein Porträt ihrer Sammlerin oder ihres Sammlers“.

 

50 Jahre Sammlung Kraft
14.9. – 24.11.2019
Kunstmuseum Villa Zanders
Konrad-Adenauer-Platz 8
D-51465 Bergisch Gladbach
Tel.: +49-2202-142334
Di – Sa 14 – 18 Uhr, Do 14 – 20 Uhr, So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 4 €, erm. 2 €
www.villa-zanders.de

Text: Ninja Elisa Felske
Bild: Kunstmuseum Villa Zanders
Erstveröffentlichung in kunst:art 69