Stadtgeflüster

5.7.2019 – 2021 | Augmented Reality Installation

Barbara Herold, Stack Overflow, 2019 (Screenshot)

Hat eine Stadt ihren eigenen Ton? Kann man zwei Städte anhand von Tönen unterscheiden? Eine ähnliche, wenngleich weniger universelle Fragestellung gab es in München, als das Projekt „Frequenzen – akustische Dimensionen der Stadt“ ins Leben gerufen wurde: „Wie hören sich Münchens Straßen und Plätze an? Wie klingt die Stadt?“

Mit dieser Fragestellung wurde vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München ein Wettbewerb ins Leben gerufen und die besten acht Bewerbungen, allesamt Münchner Künstlerinnen und Künstler, durften ihre Vorschläge im öffentlichen Raum in München umsetzen. Als Installation, skulpturale Intervention, Performance, Augmented Reality oder als partizipatives Konzept geht es darum, den Menschen in München die Gelegenheit zu geben, ihre Stadt auf neue Art zu hören. Einige der Projekte sind bereits vorüber, andere stehen noch an.

Am 12. September findet am Taxistand am Candidplatz eine experimentelle Lesung statt: Die in München lebenden Künstler Thomas Glatz (*1970) und Martin Krejci (*1969) lesen sich auf zwei gegenüberliegenden Straßenseiten mithilfe von Megafonen Leserbriefe aus einer Automobilzeitschrift vor. Der vorüberfließende Verkehr wird nicht gesteuert oder gebremst, er soll insbesondere die Lautstärke betreffend so sein, wie er zu dieser Zeit immer ist. Ohne ein Prophet zu sein, kann man erahnen, dass man nicht viel von der Lesung hören wird.

Unter der Stadt München gibt es unsichtbare Räume, die der normale Mensch nie zu sehen bekommt, so zum Beispiel Luftschutzanlagen und technische Anlagen (Heizungen, Lüftungsanlagen). Im September und Oktober werden diese im Rahmen von Live Soundwalks um den Königsplatz sichtbar, bzw. hörbar gemacht. Die Raumeigenschaften der sehr unterschiedlichen Räume werden vertont und in Kompositionen umgewandelt. Die Live Soundwalks sind Bestandteil des Projekts „Walk on a deeper ceiling“ von Agnes Jänsch (*1980) und Cornelia Böhm (*1982) in Kooperation mit dem Komponisten Henrik Ajax (*1980). Zu den „Spaziergängen“ werden die Kompositionen aufgeführt.

Barbara Herold (*1977) hat virtuelle Skulpturen mittels Augmented Reality geschaffen, die das Forum der Münchner Freiheit bereichern. In einer App werden zufällig zusammengestellte Gebilde erstellt, die mit Getöse auf dem Forum landen. Die App kann noch bis 2021 runtergeladen werden (Stack Overflow AR), so dass das Forum ganz neu erlebt werden kann.

Als letztes Projekt kann am Münchner Stadtmuseum eine Klang-Bild-Komposition betrachtet und gehört werden. „Schluss.Ton“ von Julia Wahren (*1968) möchte den Geräuschen am Lebensabend eine Chance der Resonanz geben, auf dass sie nach dem Tod nicht auf immer verhallen. Eine Collage aus quietschenden Gummisohlen, rangierenden Rollstu¨hlen, Gesprächen und Satzfetzen.

Berechtigt ist die Frage, ob man zukünftige Generationen mit Kunst im öffentlichen Raum auf Jahrzehnte und Jahrhunderte belasten darf. Denn wenn ein Denkmal erst steht, dann ist es schwer, dieses irgendwann einmal zu entsorgen. Möglicherweise sind temporäre Kunstwerke im öffentlichen Raum die Lösung. Ein spannendes Projekt!

Barbara Herold. Stack Overflow
5.7.2019 – 2021
Augmented Reality Installation
Ort: Forum Münchner Freiheit
App kostenlos erhältlich für iOS und Android
www.stackoverflow-ar.de

Thomas Glatz und Martin Krejci. Motorenwelt 2020
Eine experimentelle Lesung und Konzert im öffentlichen Raum
12.9.2019, 17 – 18 Uhr
Ort: Taxistand am Candidplatz
D-81543 München

Agnes Jänsch und Cornelia Böhm. Walk on a deeper ceiling

September und Oktober 2019
Ein Live Soundwalk
Ort: Königsplatz
Es wird sechs Spaziergänge á 25 Teilnehmer geben.

Julia Wahren. Schluss.Ton
Oktober 2019
Klang-Bild-Komposition
Ort: Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1

Text: Christian Corvin
Bild: Augmented Reality Installation
Erstveröffentlichung in kunst:art 69