Die Spuren des Widerstandes

7.11.2019 – 17.5.2020 | Herzog Anton Ulrich-Museum

Der Restaurator bei der Firnisabnahme (© C. Cordes, HAUM)

1477 ist Karl der Kühne in der Schlacht bei Nancy gefallen. Damit war auch das Schicksal von Flandern besiegelt: Alle Besitzungen fielen damals in den Schoß des Erzherzogs Maximilian von Habsburg, folglich waren sie für die Protestanten – nicht nur in Flandern – für lange Zeit, letztendlich bis 1830 verloren. Der 80-jährige Krieg, den die katholischen Habsburger nach der Schlacht von Nancy mit der Tötung ihrer Widersacher begonnen hatten, richtete sich zunehmend gegen die ländliche Bevölkerung und war von unbeschreiblicher Grausamkeit gekennzeichnet.

Genauso wie sein Vater, Pieter Brueghel der Ältere, war der junge Maler Pieter Brueghel Zeuge von Plünderungen (und möglicherweise auch Tötungen) der über Jahrzehnte geplagten Bauern. Und wie in jedem richtigen Familienunternehmen war der junge Maler vor allem deswegen in die Lehre bei seinem berühmten Vater gegangen, um möglichst viele seiner Bilder in den unterschiedlichsten Formaten kopieren zu können und sie letztendlich gewinnbringend auf dem Markt zu platzieren. Man darf auch vermuten, wer seine treuesten Kunden waren.

Nicht verwunderlich, dass Pieter Brueghel der Jüngere auch in seinen eigenen Bildern das Thema des Krieges aufgreift. Seine „Kreuztragung“ zeigt Bauern, die sich in der flämischen Landschaft tummeln. Sie folgen offensichtlich einem großen Zug römischer (in unserem Fall Habsburger) Soldaten, in deren Mitte sich Christus befindet. Er trägt das Kreuz zu seiner späteren Kreuzigungsstätte. Alle scheinen sich völlig im Klaren darüber zu sein, was in kürzester Zeit geschehen wird. Die heilige Veronika beugt sich voller Sorge zu ihm, Frauen stehen in tiefer Trauer am Wegrand. Bei längerem Betrachten wird klar, dass der jüngere Brueghel nicht ein rein religiöses Motiv malte, sondern auch die politische Situation reflektierte – die Bauern scheinen aufzubegehren.

Die Restaurierung des Gemäldes im Herzog August Museum dauerte knapp zwei Jahre – von 2017 bis 2019. Der Schaden war seit langer Zeit derart groß, dass man das Bild Jahrzehnte nicht angerührt hatte. Die gesamte Restaurierung wurde sorgfältig dokumentiert, so dass sich anhand von Fotostrecken, Videos und verschiedenen Materialien der Fortschritt der Arbeiten sehr gut nachvollziehen lässt.

Pieter Brueghel der Jüngere (1564–1637/38) malte das Bild 1629, da war er 65 Jahre alt. Er nahm hier das bekannte Motiv seines Vaters wieder auf, das er mindestens 13 Mal variierte. Weitere sieben Versionen soll es geben, jedoch sind sie vermutlich von Mitarbeitern seines Ateliers ausgeführt worden. Die Braunschweiger Version ist von Brueghel selbst signiert, was man, neben dem Datum, nach der Entfernung alter Firnisschichten feststellte.

Die Ernst Siemens Stiftung hat die gesamten Restaurierungsarbeiten finanziert. Die jetzige Ausstellung ist also eine wahre Neuentdeckung eines sehr wichtigen Bildes der flämischen Malerei des 17. Jahrhunderts, das die Meisterschaft des Sohnes von Pieter Brueghel dem Älteren ausdrücklich bestätigt.

Brueghel. Ein Meisterwerk restauriert
7.11.2019 – 17.5.2020
Herzog Anton Ulrich-Museum
Museumstr. 1
D-38100 Braunschweig
Tel.: +49-531-12250
Di – So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 9 €, erm. 7 €
www.3landesmuseen.de

Text: Dr. Milan Chlumsky
Bild: Herzog Anton Ulrich-Museum
Erstveröffentlichung in kunst:art 70