Malerische Wald-Stücke

30.11.2019 – 1.3.2020 | Kunsthalle Düsseldorf

Wenn man sich die Entwicklungsgeschichten von Künstlern als Straßen vorstellt, dann fuhren der Deutsche Albert Oehlen (* 1954) und der fünf Jahre ältere US-Amerikaner Carroll Dunham (* 1949) Zeit ihres Lebens in entgegengesetzter Richtung aufeinander zu, bis sie sich einst trafen und – nicht ohne nachhaltig Kenntnis voneinander zu nehmen – einander passierten. So ungefähr hat man sich das bildlich vorzustellen, denn während Oehlen zum Ende der 1980er Jahre begann, sich stetig von seiner bislang deutlich figurativen Orientierung zu lösen, um sich in eine ganz eigene Form von Abstraktion zu bewegen, setzte bei Dunham zur selben Zeit eine entgegengesetzte Entwicklung ein. Dieser etablierte nach den abstrakten Anfängen seiner Karriere schließlich eine surreale Figuration, deren heillos überzeichnete Protagonisten, wie sein Huttragender mit Phallusnase, aufs schärfste mit der formalen Strenge seiner immer noch seriellen Arbeitsweise kontrastieren.

Bleiben wir ein Weilchen bei dem Bild der Straße, dann erhärtet sich der Eindruck, dass es tatsächlich ein und dieselbe gewesen sein muss, auf der Oehlen und Dunham sich bewegten, und dass diese Straße darüber hinaus auf allen Abschnitten von Bäumen gesäumt war. Bäume nämlich – und das ist die eigentlich zentrale verbindende Idee der neuen Doppelausstellung in den großartigen Räumen der Düsseldorfer Kunsthalle – spielen im Werk beider eine außergewöhnlich starke Rolle. Dass sich dann noch beide Künstler zuletzt gegenseitig das gleichermaßen seltene wie exklusive Prädikat des „wahrscheinlich besten Baum-Malers der Welt“ verliehen, macht das kuratorische Anliegen von Direktor Gregor Jansen und Cornelius Tittel nicht unschlüssiger.

Der Baum trägt dabei vom Sündenfall über die pastoralen Landschaften der Romantiker bis hin zu Joseph Beuys‘ Pflanzung von 7.000 Eichen den Ballast eines ikonografischen Schwergewichtes außer Konkurrenz mit sich herum – kein Wunder angesichts der Fülle an assoziativem Potenzial in den fundamentalen Themenbereichen unserer Kultur zwischen Leben, Wachstum, Zeitenwandel und all dergleichen.

Für Oehlen und Dunham hatten jedoch all diese symbolischen Gehalte für ihre Arbeit nie eine besondere Bedeutung. Gemäß ihrer oben erwähnten, konträr verlaufenen stilistischen Laufbahnen entdecken wir auf den ersten Blick ganz grundverschiedene Blicke auf das Motiv: Hier die naive, fast kinderbuchartige, aber entsprechend direkte Übersetzung des Dings an sich bei Dunham – dort Oehlens von den Rändern der Leinwände sich in die Bildmitte ergießende organische Formen. Die Schau zeigt großformatige Gemälde beider Künstler aus insgesamt drei Jahrzehnten, ergänzt durch exklusiv zum Anlass entstandene Malereistücke, Zeichnungen, Radierungen und Monotypien. So erschließen sich dem Besucher zwei Deklinationen eines Motivs im Vergleich nebeneinander, und hinter lauter Bäumen verbirgt sich das geheime zweite Thema dieser Schau: Das analoge Medium der Malerei selbst.

 

Carroll Dunham, Albert Oehlen, Bäume/Trees
30.11.2019 – 1.3.2020
Kunsthalle Düsseldorf
Grabbeplatz 4
D-40213 Düsseldorf
Tel.: +49-211-8996240
Di – So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 6 €, erm. 3 €
www.kunsthalle-duesseldorf.de

Text: Julius Tambornino
Bild: Kunsthalle Düsseldorf
Erstveröffentlichung in kunst:art 70