Nur eine Frage der Zeit

16.11.2019 – 1.3.2020 | Museum Ludwig

Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man feststellt, dass Wade Guyton (* 1972) einer der favorisierten Künstler des Direktors des Kölner Museum Ludwigs, Dr. Yilmaz Dziewior (* 1964), ist. Denn dass sich die Wege der beiden immer wieder kreuzen, liegt in der kuratorischen Verantwortung des Rheinländers. 2006 im Hamburger Kunstverein, 2013 im Kunsthaus Bregenz und nun 2019 im Museum Ludwig in Köln. Es war halt nur eine Frage der Zeit …

Wade Guyton, der in der amerikanischen Kleinstadt Hammond zur Welt kam und heute in New York lebt und arbeitet, studierte zuerst an der University of Tennessee und anschließend am New Yorker Hunter College Kunst. Seine Kunst verortet sich im Spannungsfeld von Konzeptkunst und der (nicht unumstrittenen) Appropriation Art. Umstritten ist sie allerdings vor allem dann, wenn Kunstwerke anderer Künstler als (zuweilen kaum veränderte) Grundlage des eigenen Werks dienen. Das ist bei Guyton mitunter der Fall, häufig bedient er sich aber auch bei der Alltagskultur.

Dem traditionellen Kunstbetrieb gilt der amerikanische Künstler als besonders modern, da er die traditionelle Leinwand nicht mit Pinseln, sondern mit Tintenstrahldruckern bemalt. Sicherlich ein Spagat zwischen analog und digital, insbesondere da die Arbeit des Druckers über einen Computer gesteuert werden muss. Und doch werden junge Künstler an den Akademien, die sich mit modernsten Mitteln auszudrücken versuchen, denken, dass das die Kunst des 20. Jahrhunderts ist, geht es doch inzwischen sehr viel weiter: Augmented Reality, App- und KI-Anwendungen sind da schon einige Schritte weiter, so etwa auch Kunstwerke von Tim Berresheim (* 1975). Da hängt dem guten alten Tintenstrahldrucker, sei es in der Consumer-Fassung oder auch als professioneller Plotter, etwas der Geruch der 1990er Jahre an. Wie professionell der Druck am Ende ist, spielt dabei keine Rolle mehr.

Bereits in der Vergangenheit hat das Museum Ludwig, teilweise auch schon vor Dr. Yilmaz Dziewiors Amtsantritt, einige Werke von Wade Guyton angekauft. Nun bietet es ihm die Chance, im Rahmen einer Retrospektive das Gesamtwerk von zwei Jahrzehnten zu zeigen. Da sind die klassischen „X“-Zeichen auf Werbeprospekten der 1960er-Jahre oder Aufdrucke auf Zeitungscovern, aber auch jüngere Werke, in denen er aktuelle Werbung und klassische Kunstwerke miteinander verbindet. Sicherlich beeindruckend, wenn diese Werke einem in bis zu drei mal drei Metern entgegenstehen. Insgesamt wirkt es aber schon etwas verbraucht, wenn auf einer I-Phone-Werbung ein klassisches Memento-Mori-Bild gedruckt wird. Wenn das die von Dr. Yilmaz Dziewior hochgelobten „Verweise auf kunsthistorische Vorläufer“ sind, dann darf man schon etwas mehr erwarten.

Das soll den Besucher aber nicht abhalten, denn gut anzuschauen ist die Schau schon. Dabei sollte auch nicht abschrecken, dass Wade Guyton nach eigener Aussage einen Drucker benutzt, weil er nicht malen kann.

Wade Guyton. Zwei Dekaden MCMXCIX–MMXIX
16.11.2019 – 1.3.2020
Museum Ludwig
Heinrich-Böll-Platz
D-50667 Köln
Tel.: +49-221-22126165
Di – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 11 €, erm. 7,50 €
www.museum-ludwig.de

Text: Mathias Fritzsche
Bild: Museum Ludwig
Erstveröffentlichung in kunst:art 70

Über Mathias Fritzsche 78 Artikel
Ein Thema jagt das nächste: Der Wochengipfel hält ein oder zwei Themen fest und bringt sie in Erinnerung. Was war vergangene Woche so wichtig, dass man Schnappatmung bekam und ist diese Woche dennoch schon vergessen? Oder über welche Nachricht hat man sich so gefreut, dass man auf den Balkon ging und die Nachricht für die ganze Welt in den Abendhimmel geschrien hat?