Erhaben bodenständig

4.10.2020 – 3.1.2021 | Herbert Gerisch-Stiftung

Bei Thorsten Brinkmann bekommt der Satz „Ist das Kunst oder kann das weg?“ eine ganz neue Bedeutung. Immerhin soll die Frage ja darauf hindeuten, dass der betreffende Gegenstand statt Kunst auch Müll sein könnte. Bei den Werken von Brinkmann verhält es sich aber anders: Ja, es ist Müll, aber auch Kunst! Denn der Künstler verwendet für seine Werke stets Müll, beziehungsweise Trödel. Eine Haltung, die in Zeiten der Erderwärmung, der Müllschwemme und was auch immer noch eine besondere Würdigung verdient!

Thorsten Brinkmann (* 1971) ist gebürtiger Herner, der in Hamburg lebt und arbeitet und dort auch schon die Hochschule für bildende Künste besuchte. So sehr er sicher seinen ganz eigenen Stil gefunden hat, so kann man doch zumindest den Humor und die Ironie seines Lehrers aus seinen Arbeiten herauslesen. Denn auch Professor Bernhard Blume hat gemeinsam mit seiner Frau als „Anna und Bernhard Blume“ großformatige Fotografien mit häufig ironischem Unterton geschaffen.

Aber sein Schüler geht noch mindestens einen Schritt weiter: Es ist eben die Kombination aus Alltagsgegenständen (vulgo Müll), Sehgewohnheiten, tradierten Bildern und – undercover – dem Genre des Selbstporträts, die Thorsten Brinkmann in solch spielerisch einfacher, ergo genialer Art und Weise zusammenführt, auf das man sich wundert, dass es so etwas nicht schon längst gibt.

Stets arrangiert er seine Porträts oder auch Stillleben so, dass man eine Ahnung vom Original, meist aus dem niederländischen Barock, bekommt. Dabei entstehen Werke, die einem seltsam bekannt und doch auch gänzlich unbekannt vorkommen. Zugleich erkennt man etwas Wertvolles und sieht doch, dass es sich lediglich um ein paar Stoffe und zerknautsche Metallgegenstände handelt. Alles, was wir wahrnehmen, passt nicht zusammen, und dennoch kommt es einem vertraut vor.

Mit dieser Methode gelingt Thorsten Brinkmann etwas äußerst Seltenes: Obwohl seine Werke kunsthistorische Bezüge haben, ja, diese sogar in die heutige Zeit kontextualisieren, bleiben seine Werke erfreulich einfach und frisch. Es macht Spaß, den Künstler als Protagonisten in seinen eigenen Bildern zu entdecken, ihn aber nicht zu erkennen. Es bereitet Freude, die Vorbilder der Bilder zu kennen, ohne sie benennen zu können.

Der Wahl-Hamburger hat zahlreiche Solo-Ausstellungen und noch viel mehr Gruppenausstellungen bestritten. Nun wird er in der Herbert Gerisch-Stiftung in Neumünster zu sehen sein. Die Stiftung unterhält mit der Villa Wachholtz und dem dazugehörigen Skulpturenpark eine kleine, aber in der Wahl der Ausstellungen sehr feine Institution. Da passt Thorsten Brinkmann perfekt dazu!

Thorsten Brinkmann. Trasher Island
4.10.2020 – 3.1.2021
Herbert Gerisch-Stiftung
Brachenfelder Str. 69
D-24536 Neumünster
Tel.: +49-4321-555120
Mi – So 11 – 18 Uhr,
Eintritt: 8 €, erm. 5 €
www.herbert-gerisch-stiftung.de

Text: Mathias Fritzsche
Bild: Herbert Gerisch-Stiftung
Erstveröffentlichung in kunst:art 75

Über Mathias Fritzsche 92 Artikel
Ein Thema jagt das nächste: Der Wochengipfel hält ein oder zwei Themen fest und bringt sie in Erinnerung. Was war vergangene Woche so wichtig, dass man Schnappatmung bekam und ist diese Woche dennoch schon vergessen? Oder über welche Nachricht hat man sich so gefreut, dass man auf den Balkon ging und die Nachricht für die ganze Welt in den Abendhimmel geschrien hat?