Selbstinszenierung

29.9.2020 – 30.5.2021 | Bröhan-Museum

Luigi Colani, Ringnor Kinderstapelstühle, 1973

In den 1960er Jahren begegneten viele Deutsche zum ersten Mal einem neuen Berufsstand, dem des Designers – und der hieß Colani. Luigi Colani hatte es geschafft, seinen Namen mit seiner Tätigkeit zu einer eingängigen Marke zu machen, die Originalität mit werbewirksamem Auftritt und markigen Sprüchen verband. Luigi Colani (1928–2019) war gebürtiger Berliner, hieß eigentlich Lutz, und war in den 1960ern einer der Ersten, die gegen das bauhäuslerische Diktat des rechten Winkels Sturm liefen: Er hatte sich die Natur aufs wortgewaltige Banner geschrieben. Und auch wenn man seinen Auftritt (grundsätzlich weiß gewandet, mit Seehund-Schnauzbart, langen Haaren und stets bereit zu Sottisen über die Konkurrenz oder lahme Auftraggeber) belächeln mochte, seine biomorphen Formen und schnittigen Stromlinien schrieben tatsächlich Designgeschichte. Von heute gesehen, erscheint Colani als weitsichtiger Vorläufer manch aktueller Trends eines organischen Designs.

Das Berliner Bröhan-Museum greift für seine Ausstellung zurück auf ein Motto des Designers, der 1977 feststellte: „Das Bauhaus ist tot!“ und stattdessen eine „Renaissance des Jugendstils“ proklamierte. Objekte des Jugendstils aus der Sammlung des Hauses werden Colanis Entwürfen gegenübergestellt. Überraschende Gemeinsamkeiten treten so zutage: Beide Konzepte, das der Jahrhundertwende und das des streitlustigen Designers, entstehen aus dem Bewusstsein einer gesellschaftlichen Krise, sind auf der Suche nach einer neuen Verbindung zur Natur und verwenden dafür innovative Werkstoffe.

 

Luigi Colani und der Jugendstil
29.9.2020 – 30.5.2021
Bröhan-Museum
Schlossstr. 1a
D-14059 Berlin
Tel.: +49-30-32690600
Di – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 8 €, erm. 5 €
www.broehan-museum.de

Text: Dieter Begemann
Bild: Bröhan-Museum
Erstveröffentlichung in kunst:art 75

Über Dieter Begemann 113 Artikel
Begemanns Blog: Sternschnuppen An dieser Stelle soll es um ästhetische Sternschnuppen gehen und, wie es die Schnuppen so machen, sollen sie hin und her zischen auf manchmal verblüffenden Kursen – kreuz und quer! Ich konnte (und musste zum Glück mich auch nie) entscheiden zwischen praktisch-bildkünstlerischen und theoretischen Interessen: Ich liebe Malerei und Bildhauerei, begeistere mich für Literatur, bin ein Liebhaber von Baukunst und Design –aber meine absolute Leidenschaft gehört der Gestaltung von Gärten und Autos. Und, eh ich’s vergesse: natürlich dem Film!!