Mit kritischem Blick in Kirchners Wohnatelier

14.11.2020 – 7.3.2021 | Saarlandmuseum, Moderne Galerie

Ernst-Ludwig Kirchner, Badende im Raum, 1909/nach 1926, Foto: André Mailänder

Die unkonventionelle Lebenswelt der jungen Rebellen des Künstlerkolletivs „die Brücke“ ist Gegenstand der kommenden Sonderausstellung der modernen Galerie des Saarlandmuseums. Die Ausstellung „Welt–Bühne–Traum – Die Brücke im Atelier“ spannt den Bogen vom bewusst bühnenhaft inszenierten Mikro-Kosmos des Dresdner Wohnateliers Ludwig Kirchners hin zu Phantasmen einer Arkadien-ähnlichen kolonialen Idylle. In bewusster Abkehr von wilheminisch-konservativen Idealen schuf sich die Gruppe um Kirchner, Heckel, Pechstein und Schmidt-Rottluff einen abgeschirmten, künstlerisch ausgestalteten Raum, der neben eigenem Stil und Lebenswelt vor allem Geburtsstätte frühen Schaffens der deutschen Expressionisten war.

Beeindruckend vielseitig präsentiert die Ausstellung den besonderen Ort der Zusammenkunft von Lebens- und Schaffensraum anhand von 112 Exponaten, darunter viele Leihgaben aus öffentlicher und privater Hand, sowie der eigenen hochkarätigen grafischen Sammlung.

Neben typischen Brücke-Materialen wie Holzschnitt, Grafik und Malerei geben Papierarbeiten und Vorskizzen sowie erhaltene Fotografien Einblicke in alltägliche Szenen des Ateliers, welches eine behütete Welt kreierte, in der ein zentrales Motiv der Gruppe, die Aktmalerei in radikaler Abkehr zu bürgerlichen Zwängen, kultiviert wurde. Vorbild und Inspiration fanden die Brücke-Künstler in der „Natürlichkeit“ indigener, außereuropäischer Völker, anhand derer der damals herrschende kolonial geprägte Alltagsrassismus erkennbar wird. Die verklärte Wahrnehmung indigener Kultur und die auf diese projizierte paradiesische Unverfälschtheit werden mit kritischem Blick als Phantasmen entlarvt, welchen die Moderne Galerie die klare Realität eines Zeitstrahls entgegensetzt, der Meilensteine deutscher Kolonialpolitik veranschaulicht.

Herzstück der Ausstellung ist das großformatige Schlüsselwerk „die Badenden im Raum“, welches durch ausgefeilte Ausstellungsarchitektur hervorgehoben und aus vielen Blickpunkten des Saales immer wieder sichtbar ist, so Frau Dr. Elvers-Švamberk. Dies zeige mit seinem Motiv der Atelierszene komprimiert die Lebenswelt der frühen Schaffensperiode des Kollektivs. Darüber hinaus schlägt das Museum anhand des Werkes ebenfalls eine Brücke zwischen sichtbar Ausgestelltem und normalerweise dem Besucher verborgener musealer Welt. Die in der Regel intern ablaufenden Konservierungs- und Restaurationsprozesse werden auf innovative Weise unter anderem durch maltechnische Analyse dem Publikum in einer Art offenen Restaurierung zugänglich und erfahrbar gemacht. Roter Faden der Ausstellung ist die dialogisch angeordnete Präsentation von Atelier-Kosmos und damit in Verbindung stehenden Exponaten. Beispielhaft hierfür ist nach Frau. Dr. Elvers-Švamberk ein afrikanischer Hocker aus dem 19. Jahrhundert, der dem Hocker gleicht, den Kirchner selbst aus Holz nach völkerkundlichem Vorbild schnitzte. Die Ausstellung ist informativ, greifbar und vereint gekonnt Kunst mit Zeitgeschichte.

 

Welt–Bühne–Traum. Die „Brücke“ im Atelier
14.11.2020 – 7.3.2021
Saarlandmuseum, Moderne Galerie
Bismarckstr. 11-15
D-66111 Saarbrücken
Tel.:: +49-681-99640
Di – So 10 – 18 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr
Eintritt: 5 €, erm. 3 €
www.kulturbesitz.de

Text: Johanna Bayram
Bild: Saarlandmuseum, Moderne Galerie
Erstveröffentlichung in kunst:art 76