Entdeckungen noch möglich?

16.10.2020 – 7.3.2021 | Staatsgalerie Stuttgart

Pierre-Auguste Renoir, Das Gewächshaus, um 1876, Leihgabe aus Privatbesitz, Foto Staatsgalerie

Der Titel verspricht ein synästhetisches Kunsterleben. „Mit allen Sinnen“ passt zu einer Bewegung, die sich ganz auf den subjektiv erlebten Augenblick konzentriert und die diesen durch ihre Malerei auch dem Betrachter erlebbar macht. Entmischt kombinierte statt akademisch gesetzte Farben ergeben optische Assoziationen, durch die sie im Bewusstsein der Betrachter wieder zu einem konsistenten Bild zusammengeführt werden, aber auch Assoziationen von Gerüchen, Geräuschen und allen weiteren Wahrnehmungen auslösen, aus denen sich das komplette Erleben einer Situation, eines Eindrucks ergibt. Ein über technologische Entwicklungen fast vergessenes Erkenntnisvermögen wird hier wieder angesprochen: Die unter der digitalen Reizüberflutung fast verschüttete Fähigkeit zu einem rein aus der Wechselwirkung zwischen Betrachter und Werk entstehenden, umfassenden Wahrnehmungserlebnis. Ein erfrischendes Unternehmen nach den vergangenen Jahrzehnten, in denen die Impressionisten ihre Hegemonie auf dem Kunstmarkt verloren haben und zugleich neue Medien den Markt der Aufmerksamkeit unter ihre Kontrolle gebracht haben.

Dabei steckt hinter dem Erleben mit allen Sinnen in Stuttgart aber vor allem auch ein Präsentationskonzept. Geplant war eine Ausstellung, die Malerei auch sehbehinderten Menschen erlebbar machen wollte. Dazu wäre es erforderlich gewesen, vieles haptisch zum Ertasten und zum Begreifen anzubieten. Durch Corona notwendig gewordene Vorsichtsmaßnahmen haben allerdings viele dieser Angebote unmöglich gemacht.

Doch ist eine kontemplative Kunstbetrachtung nicht die einzige Wiederentdeckung, die das Kuratorenteam aus Christoph Conrad und Katarina Schorb in der Staatsgalerie Stuttgart bereithalten. Aus eigenen Depotbeständen und aus Leihgaben privater Sammler sowie des Musée Marmottan Claude Monet wartet sie mit der seltenen Kombination bisher kaum bekannter Werke von prominentesten Künstlern auf. Besonders erfreulich ist hierbei die Aufmerksamkeit für Künstlerinnen. Dabei ist es durchaus erschreckend, dass Berthe Morisot und Marie Cassatt als zwei der herausragenden Personen der impressionistischen Bewegung im musealen Ausstellungsgeschehen als Entdeckungen gelten können. Den Kuratoren der vergangenen 150 Jahre sind sie offenbar kaum aufgefallen, erst in jüngster Zeit tritt ihre Arbeit endlich aus dem Schatten ihrer Kollegen wie Manet oder Degas heraus. Die sind ebenfalls und zu Recht in der Ausstellung vertreten und es soll auch nicht vergessen sein, dass Cassatt in Degas einen prominenten Fürsprecher und Freund hatte ebenso wie Morisot in Manet. Doch zeigt sich in dieser Beobachtung auch schon wieder eine Hierarchie, die in unserer Zeit überwunden sein sollte. Eine Hierarchie, die sich auch im Bestand des Hauses niederschlägt: Sowohl Cassatt als auch Morisot sind nicht in der eigenen Sammlung vorhanden, die ausgestellten Bilder kommen aus anonymen Privatsammlungen. Entliehene Werke wie von Caillebotte ergänzen die ebenso berühmten Namen der Künstler aus eigenem Bestand wie Monet oder Gauguin, Pissarro und Renoir.

 

Mit allen Sinnen! Französischer Impressionismus
16.10.2020 – 7.3.2021
Staatsgalerie Stuttgart
Konrad-Adenauer-Str. 30-32
D-70173 Stuttgart
Tel.: +49-711-470400
Di – So 10 – 17 Uhr, Do 10 – 20 Uhr
Eintritt: 7 €, erm. 5 €
www.staatsgalerie.de

Text: Jan Bykowski
Bild: Staatsgalerie Stuttgart
Erstveröffentlichung in kunst:art 76