Achtung für die Unbeachteten

24.10.2020 – 17.1.2021 | Kunsthalle Wien Museumsquartier

Soziale Fragen im Diskurs zu erörtern ist eine Art Markenzeichen der als 68er zusammengefassten Generation. Auch für Želimir Žilnik ist dieser Ansatz typisch. Dabei hat der 1943 in Novi Sad geborene Filmemacher nur mittelbar mit der studentischen Szene der 60er- und 70er-Jahre zu tun. Er selbst war nie auf einer Universität oder Akademie. Seine Beobachtungen entstehen nicht in der Theorie, sondern mitten in der Gesellschaft, nah an den Menschen, besonders den weniger beachteten, den „Shadow Citizens“. Als einer der ersten Regisseure hat er sich der Migration gewidmet. Der 1968 noch in Jugoslawien entstandene Film „The Unemployed“ erzählt von Menschen, die im damaligen Jargon als Gastarbeiter bezeichnet wurden. Erst in den 70er-Jahren ist Zilnik selbst nach Deutschland ausgewandert. Aus seiner Heimat hatte er ein ganz bestimmtes filmisches Handwerk mitgebracht, geprägt von den Kinoklubs, die sich seit den 50er-Jahren in vielen Städten Jugoslawiens gebildet hatten. Selbstverwaltet, aber in Zusammenarbeit mit staatlichen Produktionsfirmen, konnten sich hier Amateure Know-how und Ausrüstung beschaffen und erste eigene Filmprojekte verwirklichen.

Diese Schule beeinflusst Žilnik Arbeitsweise bis heute. Die Mitwirkenden seiner Filme sind vielfach Laien. Auch nach dem Dreh arbeitet der Filmemacher mit ihnen auf Augenhöhe weiter, bis zu einer Abnahme in gemeinsamen Screenings. Gerade in der Frühzeit seines Schaffens entsprach Zilnik damit ganz dem Zeitgeist. Der Berlinale fiel das früh auf. 1969 gewann sein erster Langfilm „Early Works“ den Goldenen Bären. In den folgenden Jahrzehnten war er immer wieder mit Beiträgen bei den Berliner Filmfestspielen vertreten, auch wenn oder gerade weil er Deutschland in den 80ern wieder Richtung Jugoslawien verlassen hatte. Vorausgegangen waren Kontroversen mit der FSK – der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft – und um die politische Ausrichtung seiner Arbeit in einer auch vom RAF-Terror aufgeheizten Zeit.

Die Bewunderung für seine Arbeit hält indessen international an. Das Edith-Russ-Haus in Oldenburg widmete ihm 2018 die Ausstellung „Shadow Citizens“, die anschließend auch in Zagreb gezeigt wurde. Dieses Jahr ist sie nach Wien gezogen. Zahlreiche Beispiele aus Žilnik Œuvre sind in der Kunsthalle auf Monitoren in Ausschnitten zu sehen, in drei Sälen werden auch Filme in ganzer Länge gezeigt. Die erforderliche lange Besuchszeit wird kompensiert: Das Ticket gilt für die gesamte Ausstellungsdauer. Zusätzlich zu den aus Oldenburg übernommenen Teilen ist ein Filmessay von Juri Menden entstanden, in dem der Kurator des Österreichischen Filmmuseums Zilnik und seine Arbeit filmhistorisch einordnet. Eine weitere Ergänzung bietet die Kunsthalle in einem von Ana Janewski kuratierten Teil, der sich mit jenen Amateur-Kinoklubs auseinandersetzt, in denen die Karriere Zelimir Zilniks ihren Ausgangspunkt nahm. Er selbst wird während der Ausstellungsdauer als Resident in Wien sein und sich zusammen mit an seiner Arbeit Beteiligten in Veranstaltungen der Diskussion stellen. Die Nähe zu den Menschen macht ihn eben aus.

 

Želimir Žilnik. Shadow Citizens
24.10.2020 – 17.1.2021
Kunsthalle Wien Museumsquartier
Museumsplatz 1
A-1070 Wien
Tel.: +43-1-521890
Di – So 11 – 19 Uhr, Do 11 – 21 Uhr
Eintritt: 8 €, erm. 6 €
www.kunsthallewien.at

Text: Jan Bykowski
Bild: Kunsthalle Wien Museumsquartier
Erstveröffentlichung in kunst:art 76