Augenschmaus fürs Bürgertum

1.10.2020–10.1.2021 | Städel Museum

Johannes Huibert Prins, Ansicht einer niederländischen Stadt, 1790, Foto: Städel Museum

War es eine heimliche Leidenschaft von Johann Friedrich Städel, dass er sich so stark für die holländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts einsetzte, dass es am Ende an die 600 Blätter waren, die die größte Sammlung der holländischen Zeichenkunst außerhalb der Niederlande und Belgiens aus dieser Zeit begründeten? Oder war es eher sein Widerstand gegen die Moderne und gegen die aufkommende Romantik? Ebensowenig ist bekannt, weshalb ihm das Goldene Zeitalter der holländischen Malerei weniger zu bedeuten schien als jene Blätter, die nach französischen Vorbildern schielten.

Zu Städels Sammlung gesellten sich noch die Blätter seines jüngeren Freundes Johann Georg Crambs, Jahrgang 1756, mit dem er im regen Austausch stand. Sie teilten nicht nur die Leidenschaft für das Sammeln, sie waren sich auch einig über Künstler, von denen sie sich sicher waren, dass deren Arbeiten auch anderen gefallen würden: die Wand-und Deckendekorationen von Jacob de Wit, Buchillustrationen des einzigen Franzosen, der in der Niederlanden tätig war, Bernard Picart, niederländische Topografien von Cornelis Pronk, Paulus Constantijn la Fargue oder Hendrik Schepper, stimmungsvoll komponierte Landschaftszeichnungen von Jacob Cats, von den Brüdern Jacob und Abraham van Strij oder von Franciscus Andreas Milatz, dekorative Blumen-und Früchtestillleben von Jan van Huysum sowie Darstellungen exotischer Tiere von Aert Schouman oder satirische Genreszenen von Cornelis Troost und Jacobus Buys. So wie unsere Generation sich in den sozialen Medien austauscht, war es in jener Zeit im Frankfurter Bürgertum üblich, ausgiebig solche Blätter zu betrachten und auch zu kommentieren – sofern man es sich finanziell leisten konnte, wohlgemerkt.

 

Schaulust. Niederländische Zeichenkunst des 18. Jh.
1.10.2020–10.1.2021
Städel Museum
Schaumainkai 63
D-60596 Frankfurt am Main
Tel.: +49-69-605098200
Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 21 Uhr
Eintritt: 14 €
www.staedelmuseum.de

Text: Dr. Milan Chlumsky
Bild: Städel Museum
Erstveröffentlichung in kunst:art 76