Verweile doch, es ist so schön

1.11.2020 – 21.2.2021 | Museum Villa Rot

David Czupryn, Neophyten, 2020

Elf Sekunden lang verweilt ein Besucher im Durchschnitt vor einem Kunstwerk. Ein Anlass für das Museum Villa Rot, dieser schnelllebigen Betrachtung von Kunst etwas entgegenzusetzen, um das Gegenteil zu erreichen. In der Ausstellung „ANDERSWELTEN. Malerei heute“ stehen Gemälde im Mittelpunkt, die den Besucher in eine fantastische Sphäre entführen. Elf Sekunden reichen hier zeitlich bei Weitem nicht aus, um sich in eines der spannenden Bilder vertiefen zu können. Die Mischung aus Vertrautem und Fremdem zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. In dieser lassen sich zwei Tendenzen feststellen. Zum einen beziehen sich verschiedene Positionen auf den Bildkosmos des Internets, der sich zu poetischen Inszenierungen oder irritierenden Konstellationen verdichtet. Das Internet wird so zu einem zentralen Ausdrucksmittel von Beschreibung der Realität. Die zweite Tendenz widmet sich dem zum Teil unterbewussten Malprozess. Hier eröffnet sich dem Betrachter eine fantastische Welt, in der sich Hybride aus Mensch und Tier finden lassen, schwebende geometrische Formen oder künstliche Welten, die an einen Science-Fiction-Film erinnern.

Die Protagonisten in den Werken des in Paris lebenden Künstlers Simon Pasieka sind Jugendliche, die sich in einem Zustand zwischen unbeschwerter Kindheit und selbstbestimmtem Leben als Erwachsene befinden. Trotzdem sind sie in ihrem oft harmonischen Beisammensein zugleich stumm und einsam. Der Berliner Maler Jonas Burgert arbeitet völlig ohne Vorstudien und Skizzen. Seine Arbeiten bewegen sich in einer Mischung aus Realität und Albtraum. Ein genaueres Hinschauen ist hier ein Muss, denn Burgert erzählt Geschichten, die den Betrachter mit all seinen Sinnen fordern.

Fiktive Orte, Welten und Landschaften bestimmen das Werk von Florian Rautenberg, der vor den Rändern seiner Bilder nicht haltmacht. In poppiger Farbigkeit kommen sie daher und erinnern an Spielplätze mit herumliegendem Kinderspielzeug. Taucht man in Rautenbergs Bildwelt genauer ein, lassen sich Waffen, Flaggen oder Kriegsmaschinen entdecken. Motive der Alltagswelt inspirieren Maxim Brandt für seine Bilder, die er selber als „poetische Inszenierungen“ bezeichnet. Zentrale Motive des Malers sind Hütten, Inseln und Wälder, in denen die Menschen fehlen. Der Dresdner Künstler Andrey Klassen lädt den Betrachter dazu ein, sich in seinen großformatigen Tuschearbeiten zu verlieren. Die Verschachtelung von Raumebenen machen es einem einfach, denn sie besitzen eine regelrechte Sogwirkung. In diesen Raumebenen begegnet man höchst merkwürdigem Personal, das sich in mysteriösen Szenen befindet.

Die Schau präsentiert Positionen von insgesamt elf Künstlern und David Czupryn. Höchst raffiniert sind Czupryns Gemälde, die den Betrachter magisch anziehen und ihn im gleichen Moment irritieren oder überfordern. In der Kunstgeschichte findet der Künstler eine reichhaltige Palette an Motiven, die ihn inspirieren und für den Betrachter in Czupryns Interpretation wiederzuerkennen sind.

 

 

Anderswelten. Malerei heute
1.11.2020 – 21.2.2021
Museum Villa Rot
Schloßweg 2
D-88483 Burgrieden
Tel.: +49-7392-8335
Mi – Sa 14 – 17 Uhr, So 11 – 17 Uhr
Eintritt: 6 €, erm. 4 €
www.villa-rot.de

Text: Nadja Naumann
Bild: Museum Villa Rot
Erstveröffentlichung in kunst:art 76