Kühnste Träume auf Papier

Verlängert bis: – 21.03.2021​ | Bündner Kunstmuseum

Roman Signer, Skizze zu einer Wasserskulptur, 1982

Es wirkt auf den ersten Blick wie die provokative Gegenbehauptung zum Gesamtwerk des großen Sankt Galler Künstlers: eine Kabinettsausstellung Roman Signers mit 150 Arbeiten auf Papier?

Schließlich geht es um einen außergewöhnlichen Freigeist, der sich dank grenzenloser Erweiterungsbemühungen im Auftrag des Skulptur-Begriffs bis heute und mit gutem Recht noch als Bildhauer verstehen darf, obwohl er sich Zeit seines inzwischen bald beinahe 50 Jahre währenden künstlerischen Lebens im Grunde fast ausschließlich durch Aktionen und die dazugehörige Dokumentation auf Super-8-Video auf den Schirm der internationalen Kunstwelt brachte und dort berechtigterweise hielt. Es geht auch um jemanden, der 1989 eine Zündschnur von seinem Geburtsort Appenzell bis zu seinem Wohnort Sankt Gallen legte und über einen Monat lang beim Abbrennen Tag und Nacht begleitete. Atemberaubende, große Dinge eben – Papier jagte Signer allenfalls öffentlichkeitswirksam bei der documenta 8 in Form tausender Blätter in die Luft und erschuf eine temporäre Skulptur von unvergesslicher Poesie.

Die Anerkennung der Zeit als Parameter des Skulpturalen zählt, wie bei der „Aktion mit einer Zündschnur“ am augenfälligsten wird, zu den wesentlichen Voraussetzungen der Signerschen Werke. Und doch: Wer sich einmal eingefunden hat in das ganz eigene Verständnis eines Bildes, das bei Signer erst in der momentanen Zusammenkunft von Form und Erleben entsteht, der begreift ebenfalls schnell, dass die Skizzen, die nun in Chur zum ersten Mal in den Mittelpunkt einer monografischen Schau gestellt werden, sehr wichtig sind, um die Prozesse nachzuvollziehen, die den mal mehr und mal weniger monumentalen Aktionen zugrunde liegen. Diese Skizzen sind nicht bloß technische Versuchsanordnungen. Sie verkörpern in gewisser Weise eine bildgewordene Hoffnung, da sie letztlich den Moment auf Papier festhalten, in dem der Künstler die Dinge den Naturgesetzen übergibt. Diese bringen das entscheidende Chaos mit in das Werk ein. Erst dank ihrer Mitwirkung wird aus einem vorhersehbaren Gedankenexperiment eine erlebbare, artifizielle und trotzdem unberechenbare neue Situation.

Die Ausstellung unterteilt das Werk in thematische Blöcke und trennt diese entsprechend auch räumlich auf: Der erweiterte Skulptur-Begriff, die Videoarbeiten, die Wasserprojekte. Darüber hinaus werden den Skizzen zur Veranschaulichung zu allen Themen auch Objekte oder Videos zur Seite gestellt. Außerdem sind zwei ganz neue Installationen zu sehen. Eine davon lässt zwei Regenschirme abwechselnd von einem Gebläse meterweit durch die Luft wirbeln – ein einfaches, aber direktes Erleben von Gravitation und Pneumatik. Es ist kaum denkbar, dass diese Form von künstlerischer Arbeit nicht auch für den Künstler selbst unheimlich befriedigend ist.
„Ich möchte die Leute sensibilisieren auf einfache Vorgänge“, sagte Signer einmal. Der Blick auf den unbekümmerten Umgang mit Ideen, der aus seinen Skizzen spricht, verrät, dass er sich selbst dabei nicht ausschließen möchte. Wahrscheinlich macht gerade das Signers Arbeit letztlich so unbeschwert und gut.

 

Roman Signer. Skizzen 1970-2020
4.10.2020 – 21.03.2021​
Bündner Kunstmuseum
Bahnhofstr. 35
CH-7000 Chur
Tel.: +41-81-2572870
Di – So 10 – 17 Uhr, Do 10 – 20 Uhr
Eintritt: 15 CHF, erm. 12 CHF
www.buendner-kunstmuseum.ch

Text: Julius Tambornino
Bild: Bündner Kunstmuseum
Erstveröffentlichung in kunst:art 76