Blütenlese und Gaumenfreuden

24.7. – 31.10.2021 | Kunsthalle Karlsruhe

Adolf Schrödter, Brasilianischer Urwald, um 1868, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Genutzt, gezüchtet, geliebt – und gefährdet. Pflanzen sind seit jeher zentraler Bestandteil und Grundlage unserer Kultur, und zugleich schreiben sich die Spuren des Klimawandels mehr und mehr gravierend in die Diversität der Pflanzenwelt ein. Die traditionsreiche wie heterogene Integration von Natur in die Motivwelt der Kunst erkundet nun die Kunsthalle Karlsruhe anlässlich ihres 175. Jubiläums und zugleich der Wiedereröffnung nach sanierungsbedingter Schließung.

Die Ausstellung „Inventing Nature“ blickt hermeneutisch auf die Pflanzen und ihre künstlerische Reflexion. Werke aus über 500 Jahren Kunstgeschichte, vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart, verdeutlichen in dialogischen Konstellationen den Wandel unseres Verständnisses und unserer Bildkonzepte von Natur. Hierbei wird ein Bogen gespannt von paradiesischen Utopien und Wildnis-Darstellungen über Garten-Bilder und botanische Studien bis hin zu dem Paradigmenwechsel im 21. Jahrhundert: Vor dem Hintergrund von globaler Erwärmung und Pandemie entwickeln Künstler ein ästhetisches Bewusstsein für neue Aktionsformen, Symbiosen und Synergien mit der Natur. Diese Spanne künstlerischer Ansätze vermittelt die Schau mit Positionen der musealen Sammlung wie Rachel Ruysch, Hans Holbein der Jüngere, Lucas Cranach der Ältere, Max Ernst und William Kentridge in direktem Bezug zu Gegenwartskünstlern: Unter anderem Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, Lois Weinberger, Ilkka Halso, Joan Jonas, Christiane Löhr, Gabriela Oberkofler, Kiki Smith, Simone Demandt, Robert Voit, Liliane Tomasko, Volker Kreidler und Susanne Kriemann generieren mit ihrem zeitgenössischen Blick zudem heutige Sichtweisen der historischen Exponate. Dieser Brückenschlag strebt an, eine neue Perspektive auf gegenwärtige Probleme zu eröffnen.

Die Präsenz der Pflanzen in unserem alltäglichen Leben manifestiert sich vor allem als integraler Bestandteil unserer Nahrung. Auf diesen Aspekt konzentriert sich die eng mit „Inventing Nature“ verknüpfte Ausstellung der Jungen Kunsthalle: „Iss mich! Obst und Gemüse in der Kunst“. Kunstwerke über saftiges Obst, knackiges Gemüse und Speisen aus verschiedenen Ländern erkunden spannende Hintergründe für Besucher jeden Alters über Geschichte, Anbau und Zubereitung der Obst- und Gemüsesorten. Dazu bietet eine Rezeptwand zahlreiche Zubereitungsideen und an einer virtuell gedeckten Tafel werden die tagesaktuellen Obst- und Gemüse-Charts gemessen.

Begleitet werden beide Ausstellungen von dem Urban-Gardening-Projekt „Bildschön in natura“. Diese Aktion möchte über die institutionellen Grenzen hinausreichen und in den städtischen Raum einwirken. Jene Aktion und die Ausstellungen sind zudem als Hommage an Joseph Beuys im Jahr seines 100. Geburtstags zu begreifen. Als er im Jahr 1985 mit Blick auf seine Baumpflanzaktion „7000 Eichen“ erklärte: „Alle zukünftige Natur, jeder von nun an gepflanzte Baum, trägt die Merkmale des Menschen an sich“, war dies eine Vorhersage mit optimistisch-appellativem Tenor. Im Jahr 2021 ist es an uns, durch bewussteren und nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen diesem Optimismus gerecht zu werden.

 

 

 

Inviting Nature. Pflanzen in der Kunst
Iss mich. Obst und Gemüse in der Kunst
24.7. – 31.10.2021
Kunsthalle Karlsruhe
Hans-Thoma-Str. 2-6
D-76133 Karlsruhe
Tel.: +49-721-9262696
Di – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 8 €, erm. 6 €
www.kunsthalle-karlsruhe.de

Text: Ninja Elisa Felske
Bild: Kunsthalle Karlsruhe
Erstveröffentlichung in kunst:art 80