Aus der Zeit gefallen

30.5.–22.8.2021 | Kunstmuseum Langmatt

Vivian Greven, ex VII, 2020, Courtesy die Künstlerin und Kadel Willborn, Düsseldorf, Foto Ivo Faber

Zeitlos wirken die Bilder von Vivian Greven. Ihre Motive erinnern an Statuen, wie man sie aus der Antike kennt, formvollendet, aus kühlem weißem Marmor. Gleichzeitig erwecken die Figuren den Eindruck, plastisch und dreidimensional zu sein wie ein am Computer entstandenes Bild. Komplementäre Farben verstärken den Gegensatz zwischen alt und neu.

Überhaupt sind die Arbeiten von Vivian Greven von Gegensätzen durchzogen. Nähe und Distanz, die Erhabenheit klassischer Kunst im Unterschied zu aktuellen Strömungen, Figuren aus steifem, kaltem Material versus Emotion: Die Arbeiten der Wahl-Düsseldorferin lassen aufgrund ihrer Vielschichtigkeit eine Bandbreite an Interpretationen zu. Während die Figuren in inniger Zuneigung verharren, wirken ihre hellen, makellosen Körper gleichzeitig unnahbar, mitunter übergriffig.

Im übertragenen Sinn stehen die Bilder für unsere heutige Zeit mit ihren zahlreichen sozialen Medien, in denen eine Beziehung eng und gleichzeitig oberflächlich sein kann.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Langmatt erstreckt sich über zwei Stockwerke und präsentiert einen Überblick an Arbeiten, die die Künstlerin in den letzten Jahren geschaffen hat. Auffällig ist, dass Vivian Greven die Figuren nicht in ihrer Ganzheit zeigt, sondern in Ausschnitten abbildet und den Fokus auf ein bestimmtes Körperteil setzt. Insbesondere von Gesichtern ist die Künstlerin fasziniert. Auch die menschliche Haut als Schnittstelle zwischen innen und außen, als Schutzschild und Inbegriff von Verletzlichkeit gerät durch die farbliche Gestaltung und deren unterschiedliche Intensität in den Mittelpunkt.

Die Komplexität ihrer künstlerischen Arbeit zieht sich wie ein roter Faden durch Vivian Grevens Biografie: Neben dem Studium der Malerei und Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf absolvierte sie ein wissenschaftliches Studium der Anglistik und Amerikanistik mit dem Schwerpunkt Literaturwissenschaft in Wuppertal.

Ausdrucksstarke, tiefsinnige Bildtitel und kreative Wortschöpfungen stehen bei Vivian Greven sicherlich auch in Zusammenhang mit ihrer Ausbildung in Sprache und Literatur: Einige Bilder haben Namen wie Ode, Grazia I und Grazia IV, andere sind eher eine phonetische Lautmalerei oder Zeichen ähnlich einem Code.

Nach ihrem Abschluss an der Kunstakademie im Jahr 2015 folgte rasch die Teilnahme an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland, darunter “Die große Kunstausstellung NRW“ und die Überblicksausstellung „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ im Kunstmuseum Bonn und weiteren Museen. Die Schau im Kunstmuseum Langmatt stellt einen weiteren Meilenstein in der künstlerischen Laufbahn der Malerin dar: Es ist ihre erste große Einzelausstellung in der Schweiz.

 

 

Kunstmuseum Langmatt
30.5.–22.8.2021
Stiftung Langmatt Sidney und Jenny Brown
Römerstrasse 30
CH-5400 Baden

Telefon +41 (0)56 200 86 70 (Di–Fr 9–17 Uhr)
https://www.langmatt.ch

Text: Karin Gerwens
Bild: Kunstmuseum Langmatt
Erstveröffentlichung in kunst:art 80