Schmierstoff der Moderne

4.9.2021 – 9.1.2022 | Kunstmuseum Wolfsburg

Romuald Hazoumè, Elf rien à foutre, 2005, Court. Magnin A Gallery, Foto Florian Kleinefenn

Erdöl, das schwarze Gold, bedeutet in Texas und im Mittleren Osten Reichtum für seine Entdecker. Riesige Türme ragen in die Luft, fördern Barrel um Barrel aus der Tiefe der Erde hinauf, inzwischen auch aus den Meeren. Wie die Heuschrecken suchen internationale Firmen nach neuen unterirdischen Blasen voller Öl und saugen diese aus, auf Kosten der Natur und der Menschen. In Afrika (insbesondere Nigeria, Angola, Republik Kongo, Sudan und Südsudan) wird ohne Rücksicht auf die Natur Öl gefördert und in löchrigen Rohren transportiert. Den größten Profit machen dabei internationale Multis, die Kosten tragen die zurückbleibenden Menschen.

Dieses Erdöl schmiert die weltweite Ökonomie. Autos, Flugzeuge und Schiffe werden angetrieben, Plastik ist ein anderer Zustand vom Ausgangsmaterial Öl. In unzähligen Produkten steckt diese ursprünglich klebrige Masse, auch Asphalt ist ein Produkt, das ohne Öl nicht denkbar wäre. Ohne Öl wären die letzten hundert, hundertzwanzig Jahre anders verlaufen: weniger rasant, weniger bequem.

Doch wir wissen heute um die Kehrseite: Ölverschmutzung, Luftverschmutzung, Mikroplastik im Wasser, CO2, Erderwärmung, Klimakollaps. Kaum ein heutiges Problem, global oder regional, hängt nicht komplett oder zumindest teilweise am Öl und seinen Folgeprodukten. Was uns den Fortschritt brachte, droht uns heute umzubringen, individuell und als Spezies.

Zahllose Künstlerinnen und Künstler, in einer Auswahl werden mehr als achtzig aufgezählt, sind an der Themenausstellung beteiligt. Sie zeigen die Bedeutung des Öls für den Menschen, wofür Öl verwendet wird und welchen Fortschritt Öl der Gesellschaft bringt. Auf der anderen Seite wird die Abhängigkeit, die Umweltzerstörung und der Preis des Fortschritts illustriert.

Es sind sehenswerte, exzellente Kunstwerke von Künstlern wie Mark Dion, Sylvie Fleury, Christo, Tony Cragg, Ed Ruscha und Erwin Wurm, die das Kuratorenteam (Alexander Klose, Benjamin Steininger und der Wolfburger Museumsdirektor Andreas Beitin) zusammengestellt hat. Und doch lässt einen der Gedanke nicht los, dass bei einem solchen Thema selbst die Kunst an ihre Grenzen stößt. Wie kann man künstlerisch die globalen Folgen der weltweiten und dauerhaften Verwendung von Öl in allen Lagen darstellen, ohne zur Pose zu verkommen? Die unermessliche Menge Mikroplastik im Meer, die Tonnen von CO2 in der Atmosphäre und der Feinstaub in der Luft … Ist das künstlerisch überhaupt noch darstellbar?

Es ist nicht ohne Ironie, dass diese Ausstellung in der Autostadt Wolfsburg stattfindet.

 

 

Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters
4.9.2021 – 9.1.2022
Kunstmuseum Wolfsburg
Hollerplatz 1
D-38440 Wolfsburg
Tel.: +49-5361-266969
Di – So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 8 €, erm. 5 €
www.kunstmuseum.de

Text: Mathias Fritzsche
Bild: Kunstmuseum Wolfsburg
Erstveröffentlichung in kunst:art 81

Über Mathias Fritzsche 84 Artikel
Ein Thema jagt das nächste: Der Wochengipfel hält ein oder zwei Themen fest und bringt sie in Erinnerung. Was war vergangene Woche so wichtig, dass man Schnappatmung bekam und ist diese Woche dennoch schon vergessen? Oder über welche Nachricht hat man sich so gefreut, dass man auf den Balkon ging und die Nachricht für die ganze Welt in den Abendhimmel geschrien hat?