Glanz und Abgründe der menschlichen Existenz

10.10.2021-23.01.2022 | Fondation Beyeler

Francisco de Goya, Hexensabbat (El Aquelarre), 1797/98, Fundación Lázaro Galdiano, Madrid

Das „Porträt der Herzogin von Alba“ mit ihrem weißen Schoßhündchen aus dem Jahr 1795, „der Hexensabbat“ (1797/1798) und die ikonische Darstellung der „Bekleideten Maja“ (1800–1807) sind Gemälde aus dem Atelier Francisco de Goya y Lucientes (1746–1828), die alleine schon eine Fahrt nach Riehen zur Fondation Beyeler lohnen. Ebenso einzigartig sind die zwei selten zusammen ausgestellten Gemälde „Majas auf einem Balkon“ und „Maja und Kupplerin“ (beide 1808–1812).

Selbstverständlich dürfen bei einer der bisher bedeutendsten Ausstellungen außerhalb Spaniens, die die Fondation Beyeler nun Francisco de Goya zu seinem 275. Geburtsjahr widmet, Blätter aus den „Desastres de la guerra“ (1811–1814) und die 1799 erschienene Druckgrafik-Serie „Los Caprichos“ nicht fehlen. Auf den satirischen Sittenbildern finden sich neben ätzender Kritik an Standesdünkel und Korruption auch rätselhafte Traumbilder: Auf dem Titelblatt „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ steigt hinter einem schlafenden Mann ein Schwarm bizarrer Nachtgeschöpfe auf. Mit solch tiefen Blicken ins Unterbewusste war Goya seiner Zeit fast 200 Jahre voraus: Nichts war ihm fremd. Er reiste in seiner Kunst vom Himmel durch die Welt zur Hölle. „Wenn Hieronymus Bosch die Menschen in sein Höllenuniversum einführte, so führt Goya das Höllische im menschlichen Universum ein“, schreibt der Kunstpublizist André Malraux. Sein gnadenloser Blick, der radikale Pinselstrich machen Francisco Goya zum Urvater der Moderne. Zugleich war er auch einer der letzten großen Hofkünstler.

In Riehen sind nun die vielen Facetten des Künstlers zu sehen. Die chronologisch angelegte Ausstellung versammelt über 75 Gemälde und ein Konvolut von rund 50 Zeichnungen und rund 50 Druckgrafiken, deren Entstehung zudem durch eine größere Anzahl von Probedrucken nachvollziehbar wird. Selten gezeigte Gemälde aus spanischen Privatsammlungen werden erstmals mit Schlüsselwerken aus namhaften europäischen und amerikanischen Museen und Privatsammlungen zusammen gezeigt. Goya hat in seinem vielschichtigen Werk den Freuden und dem Glanz ebenso wie den Schrecken und Abgründen der menschlichen Existenz Ausdruck verliehen.

Die Porträts, die Mitglieder der Königsfamilie und des Hochadels, aber auch Freunde und Bekannte des Künstlers zeigen, sind in ihrer Konzeption vielschichtig. Einfühlsam wird die komplexe Persönlichkeit des Porträtierten vor Augen geführt. In seinen Selbstbildnissen kommt die innere Bewegtheit des Künstlers zum Vorschein. In den Genrebildern schildert Goya Begebenheiten aus dem Alltag der spanischen Gesellschaft. Zu den Schauplätzen gehören Stierkampfarenen, Spelunken, Irrenhäuser und Inquisitionstribunale. Bei den Darstellungen von Hexensabbaten bringt Goya den Aberglauben, die Unvernunft und die Alpträume seiner Zeit zur Anschauung. In ihrer Reflexion über die Stellung des Menschen in einer konfliktreichen, zwischen Vernunft und Unvernunft schwankenden Welt war Goya zu seinen Lebzeiten seiner Zeit weit voraus. Heute sind seine Bilder jedoch aktueller denn je.

Stefan Simon lebt und arbeitet als freier Journalist in Süddeutschland.

 

 

Fondation Beyeler
Baselstr. 101
CH-4125 Riehen/Basel
Tel.: +41-61-6459700
Mo – So 10 – 18 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr
Eintritt: 25 CHF, erm. 20 CHF
www.fondationbeyeler.ch

Text: Stefan Simon
Bild: Fondation Beyeler
Erstveröffentlichung in kunst:art 81