Renaissance im deutschen Norden

24.10.2021 – 6.2.2022 | St. Annen-Museum

Zwei Männer mittleren Alters, einfach gekleidet im schwarzen Habit. Scharf umrissen die Köpfe, einer bemützt, vor kaltblau einfarbigem Hintergrund, der auf Raumtiefe souverän verzichtet, um den auffällig bleichen, durchgearbeiteten Zügen der Porträtierten zu eindringlicher Präsenz zu verhelfen: Philipp Melanchton (1543) und Martin Luther (1525). Die kleinformatigen Werke, kaum über Postkartengröße das eine, gar nur 12 cm Durchmesser das andere, ein Rundbild, sind mit Ölfarbe in feinster Ausarbeitung auf Holztafeln gemalt: Kostbarkeiten.

Es waren Mittel aus einer großzügigen Schenkung, die das Lübecker St. Annen-Museum in die Lage versetzten, die hauseigene hochkarätige Gemäldesammlung mit diesen beiden glanzvollen Neuerwerbungen zu bereichern. Kein geringerer als Lucas Cranach d. Ä., mit den Lebensdaten 1472–1553 direkter Zeitgenosse Dürers und ebenso wie dieser einer der bedeutendsten Vertreter der Renaissancemalerei im deutschsprachigen Raum, war der Maler der Bildnisse. Der aus dem fränkischen Kronach (daher der Name) stammende Künstler hatte sich 1505, nach längeren Wanderjahren, als kurfürstlicher Hofmaler in Wittenberg niedergelassen, wo er eine überaus erfolgreiche Werkstatt betrieb. Neben den großen religiösen Aufträgen – mehrere Flügelaltäre beispielsweise – waren es die Porträts, die zu Lebzeiten und auch heute noch seinen Ruhm ausmachten: solche der höfischen Kreise natürlich, aber auch wohlhabender Bürger. Denen konnte der Meister auf Augenhöhe begegnen, vom Rang in der städtischen Gesellschaft her: Lange Jahre Ratsmitglied, zeitweise Bürgermeister, gehörte Cranach „dazu“. Vor allem aber waren es seine engen Beziehungen zu den führenden Köpfen der Reformation, die sich in eindringlichen Bildnissen ihrer führenden Köpfe niederschlugen. Die Nähe ging bis zur Freundschaft: Cranach war Trauzeuge, als Luther die ehemalige Nonne Katharina von Bora 1525 heiratete, also genau im Entstehungsjahr des nun nach Lübeck gekommenen Gemäldes. Die Bildnisse der Reformatoren können, mit dem Memling Altar, zu den Prachtstücken des St. Annen-Museums zählen, das so seine Position als bedeutendes Museum der Kunst des Mittelalters und der Reformation unterstreichen kann.

In Cranachs Werkstatt absolvierte (unter vielen anderen) auch ein Maler seine Ausbildung, den das Lübecker Museum jetzt mit dem Meister und seinen beiden neuerworbenen Bildnissen in einer gemeinsamen Ausstellung ehrt: Hans Kemmer. Der Künstler wurde 1495 in Lübeck geboren und starb auch dort (1561), gleichfalls ein wohlhabender Bürger. Als „Cranach von Lübeck“ ist der heute eher ziemlich unbekannte Künstler in der Sammlung des St. Annen-Museums gut vertreten. Trotz des Gefälles zwischen Cranach und Kemmer im heutigen Bekanntheitsgrad tut das Museum mit dieser Ausstellung gut daran zu zeigen, dass Bewegungen wie die Renaissance und das Bild der Reformation nicht nur von leuchtturmartig ragenden Einzelgestalten, sondern von ausgedehnten Beziehungen nach Art von Netzwerken geprägt wurden.

 

Dieter Begemann ist Künstler und Kunstwissenschaftler, der Architektur, Design, Autos und Italien liebt!

 

 

 

Cranach. Kemmer. Lübeck. Meistermaler zwischen Renaissance und Reformation
24.10.2021 – 6.2.2022
St. Annen-Museum
St. Annen-Str. 15
D-23552 Lübeck
Tel.: +49-451-1224137
Di – So 10 – 17 Uhr
Eintritt: 8 €, erm. 4 €
www.st-annen-museum.de

Text: Dieter Begemann
Bild: St. Annen-Museum
Erstveröffentlichung in kunst:art 82

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Begemanns Blog: Sternschnuppen An dieser Stelle soll es um ästhetische Sternschnuppen gehen und, wie es die Schnuppen so machen, sollen sie hin und her zischen auf manchmal verblüffenden Kursen – kreuz und quer! Ich konnte (und musste zum Glück mich auch nie) entscheiden zwischen praktisch-bildkünstlerischen und theoretischen Interessen: Ich liebe Malerei und Bildhauerei, begeistere mich für Literatur, bin ein Liebhaber von Baukunst und Design –aber meine absolute Leidenschaft gehört der Gestaltung von Gärten und Autos. Und, eh ich’s vergesse: natürlich dem Film!!