Sachlichkeit in großer Form

09.09.2021-30.1.2022 | MKM Museum Küppersmühle

Andreas Gursky, Rückblick, 2015, © Andreas Gursky, Courtesy: Sprüth Magers

Es ist ausgerechnet das Duisburger Museum Küppersmühle, in dem die jüngste Personale von Andreas Gursky gezeigt wird. Das Haus, in dessen Erdgeschoss die Retrospektive stattfindet, gäbe selbst ein perfektes Motiv für die Bildsprache des Fotografen ab. Das gilt insbesondere für den aufwändigen und viel besprochenen, dabei optisch überraschend wenig prätentiösen Erweiterungsbau. Aus Industrieästhetik einer vergangenen Ära wird Gegenwartskunst, und zwar in großem Format. An Zufall mag man bei der Wahl des Ortes kaum glauben.

In der Nachbarstadt Düsseldorf hatten Ernst und Hilla Becher die „Becher-Schule“ an der dortigen Kunstakademie etabliert. Auch Andreas Gursky hat die Meisterklasse des Fotografen-Paares geprägt. Die Motive dazu hält das nahe Ruhrgebiet mit seinen sehenswerten und inzwischen in den Rang von Denkmalen erhobenen Industriegebäuden in großer Zahl für diese fotografischen Erben der Neuen Sachlichkeit bereit. Duisburg als Ausstellungsort ist tatsächlich aus gutem Grund gewählt, wie Gursky seine Gedanken zur Ausstellung erläutert. Es besteht eine ästhetische und emotionale Bindung an diese Region, entsprechend hat der Ortsbezug auf den Fotografen bei der Konzipierung des Ausstellung eingewirkt. Manche Werke lassen dies schon durch die Wahl der Motive erkennen. „Duisburg, Brücke“ oder das fast zwanzig Jahre später fotografierte „Hamm, Bergwerk Ost“ sind unmittelbar einleuchtende Bezüge.

Die Ästhetik des Industriezeitalters aber findet Gursky in der ganzen Welt und auch in jüngeren Branchen, die er in seinem Stil ebenso abbildet. „Utha“ könnte ganz in der Nähe sein, betrachtet man die so betitelte Arbeit. Eine „Kreuzfahrt“ sollte eigentlich zu fernen, zu entdeckenden Zivilisationen führen, Gurskys Foto aber zeigt die vertraute Trostlosigkeit einer aus heimischen Gewerbegebieten bekannten, seriell arbeitenden Industrie. Und betrachtet man „Apple“, würde man sich auch nicht wundern, wenn das Motiv in der Universität Duisburg-Essen gefunden worden wäre. Runde Gebäude sind hier genauso geeignet, kreatives Denken zu unterstützen, wie sie es in der Zentrale des kalifornischen Tech-Giganten tun sollen. Etwa sechzig Bilder aus vierzig Arbeitsjahren umfasst die Ausstellung. Die Bedeutung Andreas Gurskys muss dabei natürlich nicht mehr entdeckt werden. Zahllose Ausstellungen und nicht zuletzt die Preise am Kunstmarkt haben oft genug darauf hingewiesen.

Das Werk dieses Weltstars gleichsam an seiner Wiege zu erleben, verspricht aber ein besonders Erlebnis. Ganz nebenbei wird mit einer Ausstellung im Ruhrgebiet auch Gurskys Biografie vollständig erzählt. In Leipzig geboren, wurde er schon als Kleinkind von seinen Eltern nach Düsseldorf „mitgeflohen“. Die Fotografie begann er aber in Essen zu studieren, erst der zweite Schritt führte ihn an die Kunstakademie nach Düsseldorf. Nach einer ersten Ausstellung in seiner Geburtsstadt Leipzig ist mit Duisburg, geografisch zwischen Düsseldorf und Essen gelegen, ein Platz gefunden, der verschiedenen Aspekten in Leben und Arbeit des Fotokünstlers gerecht wird.

 

Jan Bykowski ist Journalist für Kunst und ihre Märkte in Berlin.

 

 

 

Andreas Gursky
bis zum 30.1.2022
MKM Museum Küppersmühle
Duisburg Innenhafen
Philosophenweg 55
D-47051 Duisburg
Tel.: +49-203-30194810
Mi 14 – 18 Uhr, Do – So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 6 €, erm. 3 €
www.museum-kueppersmuehle.de

Text: Jan Bykowski
Bild: MKM Museum Küppersmühle
Erstveröffentlichung in kunst:art 82