Der lange Schatten der Apartheid

24.10.2021 – 13.2.2022 | Marta Herford

Neo I. Matloga, ke diile phoso, 2021, Detail, © Neo Matloga, Courtesy of Stevenson Amsterdam, Foto Jonathan de Waart

Künstler aus Südafrika? William Kentridge, natürlich, ist weithin bekannt mit seinen ingeniösen Medienarbeiten, aber dann hört es für die meisten hierzulande auch schon auf. Ein skandalöser Stand der Dinge, finden die Kuratorinnen Ann-Kristin Kreisel und Wiebke Hahn am Marta in Herford und bringen in der aktuellen Ausstellung zwei Künstler aus zwei Generationen des Landes am Kap zusammen. Singarum J. Moodley und Neo I. Matloga: Der eine ist vor fast genau einhundert Jahren, 1922, geboren, der andere 1993. Da liegt es auf der Hand, dass sich beider Biografien, künstlerischer Ansatz und Medien erheblich unterscheiden – und doch verbindet sie ein gemeinsamer Nenner. Den könnte man beschreiben als Suche nach etwas, das offenbar gleichermaßen als schmerzlich abwesend empfunden wird: eine fraglose, differenzierte und lebendige Identität als Menschen nicht-weißer Hautfarbe. So erzählen beide in Zeiten, in denen diese Güter alles andere als selbstverständlich sind, von Freiheit und Toleranz.

Singarum Jeevaruthnam Moodley – sein Vater war als indischer Wanderarbeiter nach Südafrika gekommen – war Fotograf und bis zu seinem Tod 1987 aktiv gegen die Apartheid engagiert. Kunst und Politik schlossen sich für ihn nicht aus, im Gegenteil: In seinem Studio fotografierte er als Auftragsporträtist People of Color afrikanischer und indischer Abstammung. Was das mit Politik zu tun hat? Ziemlich viel, denn die Fotografierten konnten sich im Schutzraum des Studios selbstbestimmt Kostüm und Haltung wählen und sich individuell in Szene setzen, also sich so verhalten, wie es in der durch die Regeln der Rassentrennung definierten Öffentlichkeit keinesfalls möglich gewesen wäre. Und nicht zu vergessen: Die Fotografierten sind die Auftraggeber des künstlerischen Bildes. Ein Selbstbewusstsein – der Gang zum Fotografen ist ein Luxus – kommt in den Aufnahmen zum Vorschein, wie es die Apartheid ansonsten nicht vorsah für Nicht-Weiße! Interessanterweise gilt das für beide Hauptgruppen, in die Moodleys Porträts zerfallen, gleichermaßen: wenn die Modelle sich für traditionell-afrikanisches Kostüm entscheiden ebenso wie für solche in westlich-moderner Aufmachung. Der coole Knabe mit Sonnenbrille und Newsboy Cap im Stahlrohrsessel steht an stolzem Auftritt dem Krieger mit Herrscherstab nicht nach!

Die Segregation ist für Neo I. Matloga Geschichte, er wurde fast zeitgleich mit ihrem offiziellen Ende geboren. Die Frage nach der Identität aber blieb. Der heute in Amsterdam lebende Künstler verwendet in seinen Werken gleichfalls Fotografien, als kollagiertes Fragment neben gemalten Partien, Zeichenkohle, Tusche und Pastellkreide. Die Formate sind groß, ja riesig, und bekommen so unweigerlich etwas Theatralisches. Auf Matlogas Bühnen wird immer das gleiche Stück gespielt: Freunde, Kumpel, Paare sind in nächstem Kontakt zueinander, aber die aus disparaten Elementen montierten Gesichter bleiben Masken. Zur „Ersehnten Nähe“ – so ist die Schau im Marta übertitelt, kommt es nicht.

Dieter Begemann ist Künstler und Kunstwissenschaftler aus dem Norden Deutschlands.

 

 

 

 

Ersehnte Nähe. Singarum J. Moodley und Neo I. Matloga
24.10.2021 – 13.2.2022
Marta Herford
Goebenstr. 2-10
D-32052 Herford
Tel.: +49-5221-9944300
Di – So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 10 €, erm. 5,50 €
www.marta-herford.de

Text: Dieter Begemann
Bild: Marta Herford
Erstveröffentlichung in kunst:art 82

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Begemanns Blog: Sternschnuppen An dieser Stelle soll es um ästhetische Sternschnuppen gehen und, wie es die Schnuppen so machen, sollen sie hin und her zischen auf manchmal verblüffenden Kursen – kreuz und quer! Ich konnte (und musste zum Glück mich auch nie) entscheiden zwischen praktisch-bildkünstlerischen und theoretischen Interessen: Ich liebe Malerei und Bildhauerei, begeistere mich für Literatur, bin ein Liebhaber von Baukunst und Design –aber meine absolute Leidenschaft gehört der Gestaltung von Gärten und Autos. Und, eh ich’s vergesse: natürlich dem Film!!